Bedürfnisse, Emotionen, Hormone – Warum haben wir Sex?

Warum haben wir Sex?

Fast in der gesamten Tierwelt hat Geschlechtsverkehr genau einen Zweck: Die Fortpflanzung. Bei uns Menschen aber nicht. Die Kinder, die wir in unserem Leben bekommen – wenn wir denn welche bekommen – können wir in der Regel an einer Hand abzählen. Und doch haben wir unzählige Male Sex. Doch warum möchten wir mit einer Person schlafen? Weil wir in diese Person verliebt sind oder sie innig lieben, werden die einen klar und deutlich sagen. Andere müssen dafür nicht verliebt sein. Sie haben einmaligen Sex als One Night Stand mit Menschen, die sie dann nie wieder sehen, haben eine Affäre, die ihr Alltagsleben nicht tangiert oder die gar geheim gehalten wird oder schlafen ab und zu mit einem:einer guten Freund:in. Was bewegt Menschen dazu, Sex miteinander zu haben?

Sex zwischen Verliebten: Das emotionale und körperliche Verlangen nach einander

Man kann sich physisch kaum näher sein als beim Sex, und wenn zwei Menschen ineinander verliebt sind, sich also auch emotional absolut verbunden fühlen, möchten sie natürlich nichts mehr als das, zumal das sexuelle Begehren – die Libido – und zwischenmenschliches Begehren – das Verliebtsein – in der Regel einfach zusammengehören. Ein Zusammenspiel verschiedenster Hormone bewirkt, dass verliebte Menschen ihre:n Liebste:n küssen, berühren und mit ihm:ihr schlafen wollen. Es sei denn, es liegt eine besondere Form der sexuellen Orientierung, wie die Asexualität, vor.

Verliebtsein ist vielleicht die emotional intensivste Motivation, Sex zu haben. Die Schmetterlinge spielen im Bauch verrückt, man hat den:die Partner:in so gerne, dass man am liebsten mit ihm:ihr verschmelzen möchte. Sex ist außerdem die wunderbare Bestätigung dafür, dass der:die Partner:in ebenso empfindet, genauso eins mit uns werden will wie wir mit ihm:ihr.

Sex in der Beziehung: Die Kommunikation der Liebe

In der Beziehung ist Sex für die meisten Menschen ein Liebesakt. Wer mit seinem:seiner langjährigen Partner:in regelmäßig Sex hat, kommuniziert ihm:ihr damit seine Zuneigung und erhält auch für sich selbst die Bestätigung, noch immer geliebt und wertgeschätzt zu werden. Natürlich ist Sex nicht die einzige Form, dies zu kommunizieren, weshalb viele Paare mit fortschreitender Beziehungsdauer auch seltener Lust haben, miteinander zu schlafen. Und doch ist er, wegen der körperlichen Nähe und der Glücksgefühle, die beim Orgasmus entstehen, immer noch die innigste Form der Liebesbekundung und die sexuelle Lust aufeinander bleibt bei den meisten langjährigen Partnerschaften ein wichtiges Element, das beide wollen und brauchen.

Sex in der Freundschaft: Bedürfnisse befriedigen mit Vertrauen und Zuneigung

Wie kommt es, dass manche Menschen zunächst miteinander befreundet sind, dann anfangen miteinander zu schlafen und dennoch fest darauf bestehen, kein Liebespaar zu sein, sondern nur eine Freundschaft mit gelegentlichem Sex zu führen?

Oft sind es junge Menschen, die sich zu so einer Konstellation entscheiden, die merken, dass ihre Libido da ist und sie gerne jemanden hätten, mit dem sie ihre Lust ausleben können. Sie sehnen sich nach einer Person, der sie vertrauen und die sie mögen können, aber zugleich haben sie die große Liebe noch nicht gefunden oder möchten sich noch gar nicht fest an jemanden binden.

Daran, dass „Freundschaften Plus“ selten auf Dauer gut gehen, weil mindestens eine:r von beiden sich doch verliebt, wird deutlich, dass Sex mehr ist als eine rein körperliche Angelegenheit – spätestens, wenn man es öfter miteinander tut und einen persönlichen Draht zueinander hat.

Die Affäre: Erfüllender Sex ohne enge zwischenmenschliche Bindung

Und was steckt hinter dem Phänomen der Affäre, einer Konstellation, in welcher zwei Menschen Sex miteinander haben, die weder ein Paar noch Freunde sind? Eine Affäre kann Menschen die Möglichkeit geben, Sex mit großer Romantik zu erleben. Abgekoppelt vom Alltag, genießt man wunderbare gemeinsame Momente, in welchen nur die Erotik zählt, ganz unabhängig von den Herausforderungen, die Paare im Alltag bestehen müssen. Kennt man sich dabei eigentlich kaum, ist das dann umso heißer und unkomplizierter – der:die Gegenüber bleibt geheimnisvoll und man muss sich gar nicht erst mit persönlichen Schwächen auseinandersetzen.

Doch Affären finden natürlich nicht nur zwischen Singles statt. Zahlreiche Menschen leben in einer festen Beziehung oder Ehe und haben nebenbei eine:n Liebhaber:in für gemeinsamen Sex. Die einen tun es heimlich, die anderen sprechen es offen mit ihrem:ihrer Partner:in ab. Oftmals ist die Affäre neben der Beziehung eine Möglichkeit, sexuelle Vorlieben auszuleben, die der:die Partner:in nicht teilt, zum Beispiel Sadomasochismus. Andere Menschen haben das Gefühl, dass es einfach sein muss und dass sie nicht monogam leben können – vielleicht, weil sie die Bestätigung brauchen, auch von anderen Menschen als ihrem:ihrer Partner:in begehrt zu werden oder weil sie mit einem:einer einzigen Sexpartner:in ihre Abenteuerlust nicht ausleben können.

Der One Night Stand: Lust befriedigen und Abenteuer erleben

Eine Art Mini-Affäre ist der One Night Stand, eine einmalige sexuelle Zusammenkunft mit einem:einer Unbekannten oder eher entfernten Bekannten. Selten beschränkt sich das sexuelle Leben einer Person auf One Night Stands. Sie haben oft nach einer Trennung ihren Reiz, um auf andere Gedanken zu kommen, das Selbstwertgefühl aufzupolieren und ein wenig Glück zu erfahren, schließlich sorgt Sex dafür, dass Glückshormone ausgeschüttet werden. Auch in Lebensphasen, in welchen Menschen zum Beispiel gerade an ihrer Karriere feilen und keinen Kopf haben für eine feste Beziehung, sind One Night Stands beliebt, um auf unkomplizierte Weise die sexuelle Lust zu befriedigen. Nicht zuletzt kommen One Night Stands auch als sexuell abenteuerliche Seitensprünge in Beziehungen vor, die ihren erotischen Reiz verloren haben.

Sex ohne Liebe: Kühl und unpersönlich oder hemmungslos leidenschaftlich?

Wenn Sex ohne Liebe praktiziert wird, zum Beispiel als One Night Stand oder im Rahmen einer Freundschaft, herrscht die Annahme, dass der ganze Akt anders abläuft als in einer Liebesbeziehung. Gefühlsbetonte, Zuneigung demonstrierende Handlungen wie Blicke in die Augen, Küsse oder längere Vorspiele mit Streicheleinheiten sollen dann fehlen und es geht mehr um das schnelle Ankommen am Ziel, nämlich dem Orgasmus.

Auf der anderen Seite wird oft gesagt, dass sich Menschen beim unverbindlichen Sex ohne Liebe, besonders, wenn er aus einer Abenteuerlust heraus zustande kommt und mit einem Fremden passiert, ungehemmter und leidenschaftlicher verhalten können, weil sich die beiden Menschen nehmen, was sie möchten, anstatt sich Gedanken darum zu machen, ob der:die andere auf seine:ihre Kosten kommt, was er:sie von ihnen denkt oder wie sie selbst gerade aussehen.

Beide Annahmen haben eine Gemeinsamkeit: Sie zeigen den Geschlechtsverkehr ohne Liebe als etwas, das Menschen für sich selbst tun, als etwas Egoistisches, was aber gar nicht unbedingt negativ klingen soll. Aber es geht darum, Befriedigung zu erhalten. Es heißt nicht, dass die Befriedigung der:des anderen dann vollkommen egal ist, denn nur die wenigsten werden sich nach einem Sexualakt wohl fühlen, der für ihr Gegenüber nicht schön war. Aber dennoch: Im Vordergrund steht man selbst.

Ist Sex ohne Liebe nur eine Übergangssituation?

Die meisten Menschen – ob man nun mit ihnen spricht oder ihre Artikel und Kommentare im Internet liest – scheinen der Meinung zu sein, dass es abgesehen von Liebe genug Gründe für Sex geben kann und er auch ohne Liebe toll sein kann, aber nicht dauerhaft. Langfristig braucht der Mensch dann für sein Seelenheil doch eine feste Bindung zu einem Menschen, der ihn als Gesamtpersönlichkeit liebt und wertschätzt. Wer das nicht bekommt, findet mit der Zeit auch keine Befriedigung mehr im Sex ohne Liebe, weil nach dem intensiven, befriedigenden und vielleicht sogar das Selbstwertgefühl steigernden Geschlechtsakt die schmerzhafte Erkenntnis kommt, dass man dem:der Sexualpartner:in außerhalb vom Bett nicht viel bedeutet.

Der Mensch ist und bleibt ein Individuum – auch in seinem sexuellen Verhalten

Ein einzelner Mensch kann sich noch so viele Gedanken machen über die Sexualität der Menschen allgemein, und auch wenn persönliche Erfahrungen, die Beobachtung der Menschen um einen herum und letztendlich Forschungen durchaus einige Erkenntnisse liefern, bleibt Sexualität doch etwas Individuelles. Selbst, wenn die meisten Menschen langfristig Sex in Kombination mit einer Liebesbeziehung brauchen, wird es immer Menschen geben, die lieber One Night Stands haben und sich ihre festen sozialen Bindungen woanders holen, zum Beispiel in sehr intensiven Freundschaften. Es wird immer Menschen geben, die offene Beziehungen haben und mit Affären mehr Sex haben als mit ihrem:ihrer festen Partner:in – und ihn:sie dennoch lieben.

All die Romane über Liebe und Sex – mit oder ohne einander – zeigen nur allzu gut, wie vielseitig diese Seite des menschlichen Lebens ist. Egal welchen Roman du liest, du wirst immer ein anderes Schicksal, eine andere Geschichte kennenlernen und egal wie ähnlich sie einer anderen Geschichte sein mag, sie bleibt doch individuell. Wahrscheinlich wirst du auch einige Parallelen zu dir selbst oder deinen Freunden finden, und noch viel mehr Unterschiede. Eine Auswahl der schönsten Geschichten über Liebe und erotischer Anziehung aus unserem Sortiment findest du unten in unserem Bücherkarussell.

Die Zusammensetzung unserer Hormone im Körper ist es, die unsere Motivation für Sex bestimmt, ebenso wie unsere Erziehung, unser Charakter, unsere Lebenserfahrung, die aktuelle Lebenssituation und vieles mehr. Schön wäre es, irgendwann in einer Welt zu leben, in der jeder Mensch aus der Motivation heraus Sex haben darf, die er:sie nun einmal in sich hat, frei von Erwartungen und gesellschaftlichen Ansprüchen und am wichtigsten, vor allen anderen Dingen: freiwillig und gerne!

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