Elizabeth Strout

Mit Blick aufs Meer

Mit Blick aufs Meer Blick ins Buch

Jetzt bestellen:

Buch

€ 10,00 [D] inkl, MwSt, | € 10,30 [A] | CHF 14,50 * (* empf, VK-Preis)

oder hier kaufen:

In Crosby, einer kleinen Stadt an der Küste von Maine, ist nicht viel los. Doch sieht man genauer hin, ist jeder Mensch eine Geschichte und Crosby die ganze Welt. Und Olive Kitteridge, eine pensionierte Mathelehrerin, sieht sehr genau hin. Sie kann stur und boshaft sein, dann wieder witzig, manchmal sogar eine Seele von Mensch. Auf jeden Fall kommt in Crosby keiner an ihr vorbei ...

Mit liebevoller Ironie und feinem Gespür für Zwischenmenschliches fügt die amerikanische Bestsellerautorin die Geschichten um Olive und Crosby zu einem unvergesslichen Roman.

Am Ende versteht man diese Frau

Von: femundo Datum: 21. August 2017

Das Cover sieht nach einer federleichten Sommergeschichte aus, aber der Schein trügt. Die Hauptfigur, Olive Kitteridge, ist ein wirklich harter Brocken. Olive stößt Menschen vor den Kopf, die sie lieben und mögen. Sie ist schlecht gelaunt und manchmal ungerecht, vom Leben erwartet sie nur das Schlimmste. Beim Lesen möchte man ihr immer wieder vors Schienbein treten. Und das ist das wirklich Tolle an diesem Roman: Elizabeth Strout gelingt das Kunststück, ihre Leser für eine zunächst unsympathische Hauptfigur zu erwärmen. Am Ende kann man Olive mit ihren eigenen Augen sehen und versteht, wie diese Frau wurde, wie sie ist. Und man bewundert Henry, der so lange und so treu an ihrer Seite stand. Ein manchmal unbequemes Buch, das einen über die eigenen Launen nachdenken lässt.

Charakterstudie und Kleinstadtpanorama als Mosaik

Von: Buch-Lady Datum: 22. January 2021

Elizabeth Strout stammt aus Portland in Maine, USA. In der Nähe ihres Heimatortes siedelt sie die fiktive Kleinstadt Crosby an, in der dieses Buch spielt, für das sie im Jahr 2009 den Pulitzerpreis gewann. Das Buch besteht aus einzelnen Episoden, in denen jeweils eine andere Person aus dem Ort im Fokus steht. Im Englischen Original lautet er Buchtitel „Olive Kitteridge“, da die Figur dieses Namens den roten Faden durch alle Episoden bildet. Wir begegnen alten und jungen Menschen des Ortes, Ehepaaren und Familien, eben einem Querschnitt der Kleinstadtbevölkerung. Ihre Geschichten sind auf den ersten Blick wenig spektakulär. Da gibt es den Apotheker, der seit Jahrzehnten den Menschen ihre Pillen verkauft und sich seiner jungen Angestellten annimmt, die etwas naiv im Leben steht. Es gibt ein junges magersüchtiges Mädchen, das von der Liebe enttäuscht ist, ein Ehepaar, das sich verkriecht, nachdem der Sohn im Gefängnis gelandet ist oder die alleinstehende Frau in mittleren Jahren, die seit Ewigkeiten in der örtlichen Kneipe Klavier spielt ohne je ein eigenes Klavier besessen zu haben. Eine Hochzeit platzt, erwachsene Kinder ziehen weg, jemand wird alt und krank. In der Gesamtschau der Geschichten wird deutlich, dass jeder sein Päckchen zu tragen hat. Das Leben ist für niemanden einfach. In der Kleinstadt kennt jeder jeden, zumindest von weitem, so dass die Geschichten mancher Personen miteinander verknüpft sind, obwohl jede der Episoden für sich allein und fast in beliebiger Reihenfolge gelesen werden könnte. Das Besondere an der Erzählweise ist, dass es keine Geschichte über die Titelgeberin Olive Kitteridge selbst gibt. Die pensionierte Mathematiklehrerein von Anfang Siebzig taucht in jeder Episode auf, so dass wir nach und nach immer mehr über ihr Leben erfahren, auch wenn sie nie im Mittelpunkt steht. Wir erleben sie im Kontrast zu oder in Interaktion mit anderen Personen, erkennen erst im Verlauf der Geschichte Muster in ihren Verhaltensweisen und können zum Ende hin einordnen, was für ein Mensch sie wohl ist. Der Roman zeichnet den facettenreichen Charakter der pensionierten Lehrerin nach und ergibt gleichzeitig ein Panorama des engmaschigen Geflechts all der verschiedenen Menschen, die in der Kleinstadt leben. So entsteht bei der Leserin ein Gefühl für die Zeit, die Konventionen und die Stimmung des Ortes. Man erlebt die Kleinbürgerlichkeit, den Tratsch, aber auch den Zusammenhalt dieser Gemeinschaft. Ein lesenswertes Buch mit raffinierter, mosaikartiger Erzählweise, dessen alltägliche Dramen sich eher leise abspielen und uns daran erinnern, was sich bei jedem unserer Nachbarn genau jetzt auch ereignen könnte. Ob wir hinschauen wollen, entscheiden wir selbst.

Nicht weglaufen vor dem eigenen Hunger

Von: Barbara62 Datum: 31. May 2020

Zwei Klammern halten die 13 Erzählungen in Elizabeth Strouts 2009 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Erzählband "Mit Blick aufs Meer" zusammen: die fiktive US-Kleinstadt Crosby an der nördlichen Küste von Maine und die ehemalige Mathematiklehrerin Olive Kitteridge, nach der die 2008 erschienene Originalausgabe benannt ist. Crosby ist ein Durchschnittsstädtchen mit Kirche, Grange Hall der Farmervereinigung und Lebensmittelladen. Genauso durchschnittlich sind seine Bewohnerinnen und Bewohner, die in den Geschichten abwechselnd aus dem Schatten ins Rampenlicht treten. Es sind Menschen wie der Psychiater Kevin Coulson aus New York, der in „Flut“ mit Selbstmordabsichten in seinen Heimatort zurückkehrt, die Barpianistin Angela O’Meara aus „Frau am Klavier“ mit Alkoholproblemen und unglücklichen Männerbeziehungen, die magersüchtige Nina White, die in „Hunger“ die verwitwete Daisy und den verheirateten Harmon noch enger zusammenschweißt, oder Julie Harwood, die in „Flaschenschiff“ am Hochzeitstag von ihrem Verlobten im Stich gelassen wird. Beim Bummel durch Crosby werfen wir einen Blick auf die Wendepunkte in ihrem Dasein, um uns dann der nächsten Figuren zuzuwenden. Lediglich Olive Kitteridge ist in allen Geschichten präsent, mal am Rande, mal im Zentrum. Ihr Leben und das ihrer Familie gibt Orientierung und steckt den zeitlichen Rahmen über mehrere Jahrzehnte ab. Raue Schale, weicher Kern Als ehemalige Mathematiklehrerin an der Crosby Junior High School kennt Olive jede und jeden im Städtchen. Dort wie in ihrer Familie wird sie mehr gefürchtet als gemocht. Ihre scharfe Zunge, ihr aufbrausendes Temperament und ihre radikale Ehrlichkeit sind anstrengend und berüchtigt. Nicht nur ihr gutmütiger, allseits beliebter Mann Henry, sondern vor allem ihr Sohn Christopher haben darunter zu leiden. Doch Olive wäre nicht Olive, wenn sie es nicht zugeben könnte: "… tief in mir sitzt etwas, und ab und zu pumpt es sich voll wie der Kopf eines Tintenfisches und stößt einen Schwall von Schwärze aus. Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber so wahr mir Gott helfe, ich habe meinen Sohn geliebt." (S. 95/96) Zugleich kann Olive, die den Smalltalk hasst, aber in Notfällen zur richtigen Zeit am richtigen Ort auftaucht und die richtigen Worte findet, ebenso einfühlsam wie verletzlich sein. Sie verabscheut ihre Korpulenz und Grobknochigkeit, möchte geliebt werden und lieben: "„Ich bin auch am Verhungern“, sagte Olive. Das Mädchen schaute zu ihr herüber. „Klar“, sagte Olive. „Oder was glaubst du, warum ich jeden Doughnut esse, den ich in die Finger kriege?“" (S. 126/127) Das Herausragende im Alltäglichen finden Immer wieder hat mich Mit Blick aufs Meer an die wundervollen Bücher von Kent Haruf erinnert, die alle im Städtchen Holt, Colorado, spielen. Hier wie dort stehen ganz gewöhnliche Menschen mit ihren alltäglichen Höhen und Tiefen im Mittelpunkt, geht es um Jugend und Alter, Eheprobleme und Ehefreuden, Familie, Tod, Befreiungsschläge und immer wieder um den Kampf gegen die Einsamkeit. Elisabeth Strout hat mich mit diesem ebenso empathisch wie kitschfrei erzählten Buch bestens unterhalten und Olive Kitteridge bleibt als Romanfigur im Gedächtnis – mit ihrer Gespaltenheit und Lebensweisheiten wie dieser: "Vor seinem eigenen Hunger darf man nicht weglaufen. Wer vor seinem eigenen Hunger wegläuft, ist auch nur eine Schießbudenfigur wie all die anderen." (S. 255)