Dörte Hansen

Mittagsstunde

Mittagsstunde Blick ins Buch

Jetzt bestellen:

Buch
eBook
Hörbuch

€ 22,00 [D] | € 22,70 [A] | CHF 30,90 [CH]

oder hier kaufen:

€ 18,99 [D] | CHF 22,00 [CH]

oder hier kaufen:

€ 22,00 [D] | € 24,70 [A] | CHF 30,90 [CH]

oder hier kaufen:

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn.

Ich tanze mit dir in den Himmel hinein

Von: ulistuttgart Datum: 08. March 2019

Ingwer Feddersen, Archäologe und Hochschullehrer, lebt mit seinen fast 50 Jahren noch immer, wie vor 25 Jahren, in einer Kieler Wohngemeinschaft. Er beschließt eine Auszeit zu nehmen um seine Großeltern Ella und Sönke, die ihn wie einen Sohn aufgezogen haben, zu betreuen. Die beiden leben in dem fiktiven nordfriesischen Örtchen Brinkebüll. Ella vergisst langsam aber sicher ihr komplettes Leben und Sönke, der mit über 90 Jahren immer noch seinen Gasthof für einzelne Stammgäste bewirtschaftet, hat wohl ebenfalls seine besten Zeiten hinter sich. Ingwer erkennt die alte Heimat kaum wieder. Alles hat sich verändert. Es gibt keine Schule mehr, keinen Tante-Emma-Laden, keine Störche, keine Kühe … Selbst die heilige Mittagsstunde der Dorfbewohner wird nicht mehr wie früher eingehalten. Dörte Hansen hat nach ihrem Debüt „Altes Land“ wieder einen sehr gefühlvollen und berührenden Roman verfasst, der noch lange nachklingt. Die wenigen Worte, die unter den Brinkebüllern fallen schreibt die Autorin in Plattdeutsch. Anfangs habe ich mich damit etwas schwer getan und mein Lesen war etwas holprig, aber irgendwie macht das diese Geschichte sehr authentisch und lässt uns in das Dasein dieser Menschen regelrecht versinken. Außer dem Leben der Familie Feddersen werden uns von der Autorin die Schicksale einiger anderen Dorfbewohner sehr anschaulich und herzergreifend erzählt. Der Protagonist Ingwer war mir ungemein sympathisch. Er kümmert sich liebevoll um seine Großeltern, sorgt in seiner Kieler Wohngemeinschaft für Sauberkeit und Ordnung, hat Verständnis für seine Schüler an der Uni, denkt in vielen Lebenssituationen an bestimmte Schlagerlieder, die seine Mutter Marret immer vor sich hingesungen hat und zur Entspannung gönnt er sich ab und an etwas beruhigendes zum Rauchen. Er nennt sich selbst „die Hitparade auf zwei Beinen“, weil er ständig Lieder wie „Einsamkeit hat viele Namen“ … in seinem Kopf hat. Auch das Ehepaar Ella und Sönke hat mein Herz berührt. Nicht immer lief alles glatt in ihren gemeinsamen Jahren und auch die Vergesslichkeit von Ella macht ein Zusammenleben nicht leicht. Doch trotz ihrer Träumereien von alten Zeiten und trotz den blauen Flecken, die sie Sönke immer wieder zufügt, steht dieser zu ihr und plant ihre Gnadenhochzeit. 70 Jahre verheiratet. Ingwer kann durch sein Dasein Mudder und Vadder, wie er seine Großeltern nannte, etwas von der Liebe zurückgeben, die sie ihm all die Jahre geschenkt haben. „Dat is min Jung“ „Minsch warmt Minsch“ … Marret war selbst noch ein hilfloses junges Ding, als sie ihren Sohn Ingwer zur Welt brachte aber Sönke hat ihn stolz durchs alte Dorf getragen und Ella hat ihn behütet wie ihr eigenes Kind. Nun war das Vater-Mutter-Kind-Spiel umgedreht. Die Rollen wurden getauscht und Ingwer sorgt sich um seine alten, gebrechlichen Großeltern. Ein wundervoller, berührender Roman, den ich am liebsten gleich noch mal lesen würde, weil er einfach das ganz normale Leben mit Höhen und Tiefen, den Verlauf der Zeit und des Älterwerdens beschreibt. Alle Emotionen schleichen sich im Laufe des Lesens hoch. Schmunzeln, Lachen, Erschütterung und Traurigkeit …Erinnerungen an die eigene Kindheit und die Frage, was wird uns im Laufe der Jahre noch erwarten … alles gehört zur Mittagsstunde von Dörte Hansen. Ganz großes Gefühlskino! 5 Sterne

Eine schöne Geschichte, die mich emotional nicht zu 100% gepackt hat

Von: books.books.travel Datum: 05. March 2019

Die Meinungen zu Mittagsstunde von Dörte Hansen, die ich bisher gelesen hatte, waren durchweg positiv und so war ich extrem gespannt auf das Buch. Wir befinden uns im norddeutschen Brinkebüll, wo der knapp 50-jährige Ingwer aufwuchs, bevor er für sein Studium aus dem Dorf in die Stadt zog und blieb. Nun kehrt er zurück, um seine Eltern zu pflegen, die dort einen Gasthof besitzen, und eigentlich gar nicht seine Eltern, sondern seine Großeltern sind. Jeder weiß das, keiner spricht es aus - ein Motiv, das sich durch das Buch zieht. Ganz wunderbar - und stellenweise erschreckend - zeichnet die Autorin ein Bild über das Dorf und die Bewohner, und jedes Dorfkind findet wohl massig Situationen und Charaktere wieder, die es aus der eigenen Jugend kennt. Es sei ein stilles Buch, und doch sprachlich und inhaltlich packend, habe ich im Vorfeld gelesen - und kann dem zustimmen. Ich muss jedoch sagen, dass es mich emotional nur an vereinzelten Stellen wirklich "gekriegt" hat. Meist dann, wenn es um die Beziehung zwischen Ingwer und seinen Eltern geht; beispielsweise um Jahrzente zurückliegende, eigentlich nichtige, zwischenmenschliche Episoden, die einem Sohn/Tochter noch als Erwachsener in Form eines schlechten Gewissens im Magen liegen können. Dennoch habe ich mich sehr gern in Brinkebüll befunden, fand die Charaktere authentisch und, das finde ich extrem wichtig, nicht immer nur schwarz/weiß. Eine klare, schöne Sprache, die gut zur Geschichte passte, die Entwicklung eines Dorfes, das gezwungen ist sich modernen Gegebenheiten anzupassen, und sich vereinzelt doch erfolgreich wehrt - all das werde ich positiv in Erinnerung behalten.

Ein ruhiges Buch !

Von: Tausendléxi Datum: 03. March 2019

Ingwer Feddersen, Archäologe und Hochschullehrer, kehrt seinem Kieler Domizil, den Rücken, um nach 25 Jahren in sein nordfriesisches Heimatdorf Brinkebüll zurückzukehren. Seine Großeltern benötigen seine Hilfe. Die Großmutter Ella ist demenziell erkrankt und der Großvater Söhnke, versucht in seinem hohen Alter noch die Stellung in seinem verlebten Gasthof zu halten. Ingwer selbst hat das Sabbatical gewählt, schon um seinen Großeltern bei zu stehn, aber auch um in verschiedenen Angelegenheiten seines Lebens eine klarere Sicht zu erlangen. Er wohnt seit vielen Jahren in einer WG, mit Ragnhild, mit ihr führt er eine langjährige Beziehung, und mit Claudius. Die Luft ist raus. Doch was nun ? Brinkebüll hat sich sehr verändert, der Fortschritt hat auch hier nicht halt gemacht. Es gibt keine Schule mehr im Dorf, keinen Bäcker und keinen Kaufmann. Auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Doch noch immer steht Söhnke Feddersen hinter seinem Tresen. Mit großer Geduld umsorgt Ingwer seine Großeltern, die ihn wie ihren Sohn aufzogen, da seiner Mutter, dies nicht möglich war. Viele Geheimnisse werden im Dorf gehütet, nur ab und an wollen sie an die Oberfläche, um sie dann wieder für lange Zeit zu ignorieren. > Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes, manches schwebte jahrzehntelang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meistens, nicht sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, Angehauchtes und Vermutetes und Unaussprechliches und halb Vergessenes.< Dörte Hansen hat ein ruhiges Buch geschrieben, ein sehr ruhiges Buch! In wunderschönen Worten, wie eine liebevoll gehäkelte Spitzeborte, führt sie uns nach Brinkebüll. Sie erzählt von der Gegend und den Menschen, sie sagt aber nichts. Der Plot ist im wahrsten Sinne – platt! Klar, gibt es auch gelungene Geschehnisse, doch die sind leider für die 319 Seiten einfach zu wenig. Mittagsstunde hat mich in einem Moment getroffen, an dem ich nicht sehr empfänglich für in die Länge gezogene Beschreibungen war. Schade ! 3 von 5

Überragend

Von: Cedric Datum: 09. February 2019

Die Inhaltsangabe lasse ich mal weg. Die findet sich leicht. Lieber meine Gedanken. Das Buch ist gut, einfach gut. Chapeau, Dörte Hansen. Völlig stimmig in Sprache und den Bildern, die sie zeichnet. Immer wieder hielt ich inne, dachte, ja, so ist das, so war das, alles wahr. Altes Land habe ich (noch) nicht gelesen, das Thema sprang mich nicht so an. Dieses hier schon eher. Reingelesen, weitergelesen, auch wenn das, was da kommen mag, am Anfang ein wenig zerfahren scheint. Es wird sich fügen. Und selbst im etwas zähen Beginn finden sich schon Sätze, die einen staunen, lächeln machen. Und ein wenig glücklich. Ein Buch das so viele Bilder in den Kopf zaubert. Ein Buch, in dem die Autorin streckenweise, so empfand ich es für meinen Lesestil, fast lyrisch textet und jedes Wort passt und trifft und berührt. Neben Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" für mich eines der schönsten Bücher der vergangenen Jahre. Sechs Sterne!

Ein ausgezeichnetes und unbedingt lesenswertes Stück Heimatkunde

Von: Sigismund von Dobschütz/Buchbesprechung Datum: 08. February 2019

Drei Jahre mussten wir auf den zweiten Roman von Dörte Hansen (54) warten, deren Debüt „Altes Land“ auf Platz 1 der Jahresbestsellerliste 2015 geschafft hatte. Im Oktober erschien nun ihre „Mittagsstunde“ und verspricht, ein ähnlich großer Erfolgsroman zu werden. Hatte Hansen im „Alten Land“ die Landflucht der Großstädter zum Thema, die das Landleben zum Bauerntheater verkommen lassen, so nimmt Hansen in ihrem Folgeroman das Thema erneut auf, schildert hier aber die Flucht – oder ist es eher eine Vertreibung? – der Dorfbewohner in die Stadt. Die Bewohner von Brinkebüll, die im Dorf ihrer Vorfahren keine Zukunft sehen, geben ihre angestammte Heimat auf, um in der Stadt neues Glück zu suchen. „Es war so still im Dorf, kein Hund, kein Hahn. Kein Schleifen aus der Tischlerei, kein Hämmern mehr auf Haye Nissens Amboss. …. Man hörte keine Tiere mehr. Auch nicht die Stimmen, die die Tiere riefen, laut genug, um große Felder zu beschallen.“ Der große Umbruch kam Mitte der sechziger Jahre mit der Flurbereinigung. Haine, Hecken und Knicks am Rand jener kleinbäuerlichen Felder, die ihre Vorväter über Jahrhunderte beackert hatten, waren verschwunden. Sogar den riesigen Findling, der Jahrtausende an derselben Stelle mitten im Acker gelegen hatte, wurde, als Denkmal für die Flurbereinigung missbraucht, an die Ortseinfahrt verbracht. Nichts blieb wie früher, die alte Ordnung der Dörfler war zerstört. Wie sich das kleinbäuerliche und dörfliche Leben im nordfriesischen Geestdorf über Jahrhunderte nach ungeschriebenen Regeln abgespielt hatte, zeigt Hansen in lebendigen, prallen Bildern und atmosphärisch stimmiger Sprache mit plattdeutschen Einschüben. Voller Mitgefühl beschreibt sie ihre teilweise skurrilen Charaktere voller Ecken und Kanten. Als Leser liebt und leidet man mit diesen Dörflern. Doch trotz aller Empathie schafft es die Autorin, durch die Augen ihres vor Jahrzehnten ausgewanderten Protagonisten Ingwer Feddersen, Archäologe an der Universität Kiel, den objektiven Blick auf die eingeborenen „Dörpsminschen“ mit ihren Ecken und Kanten zu halten. An keiner Stelle ihres Romans läuft sie Gefahr, „die gute alte Zeit“ zu verherrlichen. Denn gut war die alte Zeit auf dem Land sicherlich nicht – einer der Gründe für den dörflichen Wandel. In den Erinnerungen ihrer Hauptfigur spult Hansen fünf und mehr Jahrzehnte zurück und zeigt diesen Wandel ländlichen Lebens. Der knapp 50-jährige Ingwer Feddersen hat sich in Kiel eine einjährige Auszeit genommen, um seine 90-jährigen Großeltern Sönke und Ella in seinem Heimatdorf zu pflegen. Ella leidet an zunehmender Demenz, aber Sturkopf Sönke steht sogar mit Rollator noch tagtäglich am Tresen seines Dorfkrugs. Doch längst bleiben die Gäste aus. Erst verschwanden die Hecken, dann die Störche. Die alten Kastanien am Straßenrand wurden gefällt, die Chaussee verbreitert, begradigt und asphaltiert. Die von den Bewohner früher stets eingehaltene Mittagsruhe wird jetzt gestört. Wenige Höfe wachsen, die Nebenerwerbshöfe werden aufgegeben. Städter kaufen die leerstehenden Hofgebäude und zimmern sich ihre eigene, unwirkliche Landidylle. In detailreichen und mit Humor geschilderten Episoden, die sich kapitelweise wie ein Puzzle zu einem farbigen Gesamtbild erschließen, erfahren wir einiges aus dem Dorfleben – auch manches, worüber dort niemand spricht: Nicht einmal Ingwer Feddersen kennt seinen Vater. Auch dass nicht Großvater Sönke, sondern Dorflehrer Steensen der leibliche Vater seiner schrulligen Mutter ist, wissen zwar alle, aber man spricht nicht drüber. Hansen beschreibt das Dorfleben als hartes, oft erbarmungsloses und tragisches Dasein. Doch die Dörfler hatten sich immer klaglos in ihr Schicksal gefügt: Nur drei Käsesorten im kleinen Laden, „mehr bruukt wull keen normale Minsch!“ Auch den Dorfladen gibt es längst nicht mehr. Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ist ein ausgezeichnetes und unbedingt lesenswertes Stück Heimatkunde.

Ein wunderbares und unbedingt lesenswertes Stück Heimatkunde

Von: Sigismund von Dobschütz/Buchbesprechung Datum: 08. February 2019

Drei Jahre mussten wir auf den zweiten Roman von Dörte Hansen (54) warten, deren Debüt „Altes Land“ auf Platz 1 der Jahresbestsellerliste 2015 geschafft hatte. Im Oktober erschien nun ihre „Mittagsstunde“ und verspricht, ein ähnlich großer Erfolgsroman zu werden. Hatte Hansen im „Alten Land“ die Landflucht der Großstädter zum Thema, die das Landleben zum Bauerntheater verkommen lassen, so nimmt Hansen in ihrem Folgeroman das Thema erneut auf, schildert hier aber die Flucht – oder ist es eher eine Vertreibung? – der Dorfbewohner in die Stadt. Die Bewohner von Brinkebüll, die im Dorf ihrer Vorfahren keine Zukunft sehen, geben ihre angestammte Heimat auf, um in der Stadt neues Glück zu suchen. „Es war so still im Dorf, kein Hund, kein Hahn. Kein Schleifen aus der Tischlerei, kein Hämmern mehr auf Haye Nissens Amboss. …. Man hörte keine Tiere mehr. Auch nicht die Stimmen, die die Tiere riefen, laut genug, um große Felder zu beschallen.“ Der große Umbruch kam Mitte der sechziger Jahre mit der Flurbereinigung. Haine, Hecken und Knicks am Rand jener kleinbäuerlichen Felder, die ihre Vorväter über Jahrhunderte beackert hatten, waren verschwunden. Sogar den riesigen Findling, der Jahrtausende an derselben Stelle mitten im Acker gelegen hatte, wurde, als Denkmal für die Flurbereinigung missbraucht, an die Ortseinfahrt verbracht. Nichts blieb wie früher, die alte Ordnung der Dörfler war zerstört. Wie sich das kleinbäuerliche und dörfliche Leben im nordfriesischen Geestdorf über Jahrhunderte nach ungeschriebenen Regeln abgespielt hatte, zeigt Hansen in lebendigen, prallen Bildern und atmosphärisch stimmiger Sprache mit plattdeutschen Einschüben. Voller Mitgefühl beschreibt sie ihre teilweise skurrilen Charaktere voller Ecken und Kanten. Als Leser liebt und leidet man mit diesen Dörflern. Doch trotz aller Empathie schafft es die Autorin, durch die Augen ihres vor Jahrzehnten ausgewanderten Protagonisten Ingwer Feddersen, Archäologe an der Universität Kiel, den objektiven Blick auf die eingeborenen „Dörpsminschen“ mit ihren Ecken und Kanten zu halten. An keiner Stelle ihres Romans läuft sie Gefahr, „die gute alte Zeit“ zu verherrlichen. Denn gut war die alte Zeit auf dem Land sicherlich nicht – einer der Gründe für den dörflichen Wandel. In den Erinnerungen ihrer Hauptfigur spult Hansen fünf und mehr Jahrzehnte zurück und zeigt diesen Wandel ländlichen Lebens. Der knapp 50-jährige Ingwer Feddersen hat sich in Kiel eine einjährige Auszeit genommen, um seine 90-jährigen Großeltern Sönke und Ella in seinem Heimatdorf zu pflegen. Ella leidet an zunehmender Demenz, aber Sturkopf Sönke steht sogar mit Rollator noch tagtäglich am Tresen seines Dorfkrugs. Doch längst bleiben die Gäste aus. Erst verschwanden die Hecken, dann die Störche. Die alten Kastanien am Straßenrand wurden gefällt, die Chaussee verbreitert, begradigt und asphaltiert. Die von den Bewohner früher stets eingehaltene Mittagsruhe wird jetzt gestört. Wenige Höfe wachsen, die Nebenerwerbshöfe werden aufgegeben. Städter kaufen die leerstehenden Hofgebäude und zimmern sich ihre eigene, unwirkliche Landidylle. In detailreichen und mit Humor geschilderten Episoden, die sich kapitelweise wie ein Puzzle zu einem farbigen Gesamtbild erschließen, erfahren wir einiges aus dem Dorfleben – auch manches, worüber dort niemand spricht: Nicht einmal Ingwer Feddersen kennt seinen Vater. Auch dass nicht Großvater Sönke, sondern Dorflehrer Steensen der leibliche Vater seiner schrulligen Mutter ist, wissen zwar alle, aber man spricht nicht drüber. Hansen beschreibt das Dorfleben als hartes, oft erbarmungsloses und tragisches Dasein. Doch die Dörfler hatten sich immer klaglos in ihr Schicksal gefügt: Nur drei Käsesorten im kleinen Laden, „mehr bruukt wull keen normale Minsch!“ Auch den Dorfladen gibt es längst nicht mehr. Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ ist ein wunderbares und unbedingt lesenswertes Stück Heimatkunde.

Sehr empfehlenswert

Von: Daggi Datum: 02. February 2019

Mittagsstunde ist eine Reise in die Vergangenheit, humorvoll und einfühlsam erzählt. Dörthe Hansen beschreibt die Landschaft Nordfrieslands und die besondere, manchmal auch skurrile Art der Menschen sehr detailliert und einfühlsam. Die Charaktere sind ganz wunderbar gezeichnet und die Autorin weiß, mit einer sehr ruhigen und undramatischen Geschichte zu bezaubern. Mittagsstunde ist ein sehr empfehlenswertes Buch, das mich von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann ziehen konnte.

So authentisch!

Von: Ursula Datum: 23. January 2019

Ingwer Feddersen, 47 und Professor für Archäologie in Kiel, nimmt sich ein Sabbatjahr und kehrt in sein Heimatdorf Brinkebüll zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. Doch in den letzten Jahren hat sich viel verändert: Es gibt keine Schule, keinen Kaufmann und fast keine Bauern mehr und selbst die Störche scheinen nicht mehr auf den Dächern zu sitzen. Doch wann haben die Veränderungen begonnen? Und warum? Beim Versuch, Bilanz zu ziehen, hat Ingwer am Ende eine ernüchternde Erkenntnis. Die Kapitel werden abwechselnd aus den Perspektiven Vergangenheit und Gegenwart erzählt - die Geschichte verschmilzt so nach und nach ineinander. Nach ein paar wenigen Kapiteln war ich voll im Geschehen drin, konnte mich vollkommen fallen und in das Dorf versetzen lassen. Dörte Hansens Sprache hat mich wieder vollkommen überzeugt, denn sie schafft es wie kein anderer, das Geschriebene so authentisch wirken zu lassen: Jeder Stein, jedes Haus, jeder Windzug ist so nah am Leser, wie wohl in kaum einem anderen Buch. Dabei hat sie einen Roman erschaffen, der sich mit dem Niedergang der bäuerlich-dörflichen Welt, mit dem Leben und mit dem Tod befasst und damit, was eigentlich am Ende bleibt. Im Gegensatz zu "Altes Land" fand ich "Mittagsstunde" allerdings ein kleines bisschen zu erinnerungsträchtig - die Erkenntnis am Ende wiegt das allerdings meiner Meinung nach wieder auf. Also bitte unbedingt lesen! ❤️

Ein wahrhafter Lesegenuss

Von: _leserin_ Datum: 23. January 2019

Ich habe das Buch innerhalb von drei Tagen gelesen und es war ein wahrlicher Genuss. Im Zentrum des Romans steht das fiktive Dorf Brinkebüll und seine Bewohnerinnen und Bewohner, die teilweise mit skurrilen Charaktereigenschaften ausgestattet sind, so dass ich beim Lesen oftmals richtig schmunzeln musste. Im Buch werden die ca. letzten 50 Jahre des Dorfes geschildert und seine Veränderungen, die sehr plastisch dargestellt werden. Das Dorfleben wird so erzählt, wie ich es mir als Stadtmensch vorstelle: ein Gasthaus, wo Feste gefeiert werden, ein Lehrer, der Heimatkunde unterrichtet und manchmal etwas „gröber“zu den Kindern ist, Verhältnisse und Geheimnisse, die nicht sein dürften, Kuckuckskinder, Bauernhöfe, die bewirtschaftet werden und ein einziges Geschäft, wo man noch bedient wird. Das Dorfleben ändert sich jedoch mit der sogenannten Flurreinigung. Nach und nach wird erzählt, was das für Brinkebüll und seine Leute bedeutet. Für mich ist das Konzept des Romans voll aufgegangen, Vergangenheit und Gegenwart werden in den Kapiteln abwechselnd erzählt, so dass es auf ein stimmiges Ende des Buches hinausläuft, immer wieder gespickt mit Plattdeutsch, genial

De Welt geiht ünner!

Von: LiteraturReich Datum: 20. January 2019

"De Welt geiht ünner!" Wenn auch ganz anders als von der leicht ver-rückten Marret immer wieder angekündigt, geht in Dörte Hansens Roman „Mittagsstunde“ tatsächlich eine Welt unter. Es ist der Untergang des Dorfes in Deutschland, hier des fiktiven nordfriesischen Dorfs Brinkebüll, der damit verbundenen Verlust von dörflichem Leben und der gesellschaftliche Wandel, der damit einhergeht, von dem die Autorin, die aus einem ebensolchen Dorf in Norddeutschland stammt, hier erzählt. Bereits ihr 2015 sowohl zum bestverkauften deutschsprachigen Roman als auch zum Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhandlungen gekürter Erstling „Altes Land“ hatte den ländlichen Raum zum Schauplatz, hier allerdings als Rückzugsort heutiger gestresster Städter. In „Mittagsstunde“ setzt die Autorin viel früher an. Eine Handlungsebene führt in die Jahre 1965/66 zurück, die andere wechselt zu 2013/14. Im Rahmen der mit dem 1953 verabschiedeten gleichnamigen Gesetz beschlossenen Flurbereinigung kommen gewaltige Veränderungen auf Brinkebüll zu. Jahrhundertelang gewachsene Strukturen, Ordnungen und Traditionen werden durchgerüttelt und verlieren sich mit der Zeit. Das sind zunächst die kleinen Parzellen, die zur effektiveren Bearbeitung, auch durch die modernen, immer gigantischer werdenden Landwirtschaftsmaschinen, zusammengelegt werden, die Hecken und Gehölze, die gerodet werden, die Bäume und Findlinge, die weichen müssen. Zunächst freuen sich die Bewohner von Brinkebüll, dass ihre Straße begradigt und schön glatt geteert wird, auch wenn die uralten Kastanien dafür weichen müssen. Dafür lässt es sich nun formidabel Rad und Rollschuh laufen auf der neuen Wegdecke. Bis das erste Kind unter die Räder eines Lastwagens gerät. Mit der Flurbereinigung kommen auch die Landvermesser aus der Stadt ins Dorf. Einer davon macht der labilen, 17 jährigen Marret wohl „schöne Augen“, jedenfalls wird neun Monate nach den Vermessungsarbeiten der kleine Ingwer Feddersen geboren, der Hauptprotagonist des Romans. Mangels eines Vaters und angesichts der zunehmenden Verwirrtheit seiner jugendlichen Mutter, nehmen sich die Großeltern, das Wirtsehepaar Ella und Sönke, seiner an. Ihre Dorfkneipe bleibt lange, auch lange nachdem der Dorfladen der strengen Ella Koopmann und die Dorfschule geschlossen worden sind, das eigentliche Herz des alten Weilers. Hier treffen sich die Männer, wenn sie den Gottesdienst bei Pastor Ahlers überstanden haben, hier feiert das ganze Dorf Taufe, Konfirmation, Hochzeit, silberne und goldene, und schließlich Beerdigung, all die Bahnsens, Martensens, Hamkes und Ketelsens. Mit großer Liebe und Sorgfalt charakterisiert Dörte Hansen eine Dorfgemeinschaft, ohne in die Kitsch- oder Stereotypenfalle zu tappen. Ein wenig Nostalgie und Sentimentalität ist schon dabei, aber auf die angenehmste Art, und wie sollte auch nicht, wenn man vom Verschwinden etwas lange Gewachsenen erzählt. Niemals verschweigt der Roman aber, dass sich das Leben im Dorf wandeln musste, dass die Beschränktheit der Möglichkeiten, die soziale Kontrolle und Engstirnigkeit dort auch zur Last werden konnten. Es ist schon schwindelerregend, wenn man sich vergegenwärtigt, wie rasant die Veränderungen in den letzten fünfzig Jahren waren. Haben sich die Strukturen in den Jahrhunderten zuvor nur geringfügig verschoben, wird nun alles umgekrempelt. Neben der Flurbereinigung und damit unmittelbar verbunden der Konzentrierung im Agrarsektor – die „Großen“ können die riesigen Flächen immer gewinnbringender bewirtschaften, die „Kleinen“, die sich die modernen Maschinen nicht leisten können, geben auf und verkaufen an „die Großen“ -, ist es vor allem die wachsende Mobilität der Bewohner, die das Leben im Dorf so grundlegend verändert. Nicht nur die Hausfrauen werden von Dora Koopmann dabei erwischt, bei Aldi auf der grünen Wiese statt bei ihr einzukaufen, auch die Jugend flieht, zumindest Samstagnacht. So ist die Dorfdisko bei Ella uns Sönke nicht länger angesagt. Einige der Jugendlichen verlieren ihr Leben an der langgezogenen Kurve kurz hinter dem Dorfausgang. Gleichzeitig kommen die Städter nach Brinkebüll, besiedelt eine Künstlergruppe die alte Mühle, werden Alpakas gezüchtet, ein Dorfkulturverein gegründet und in der Kneipe probt die Line Dance-Gruppe. Nur Hanni Thomsen knattert immer noch mit seinem Mofa durch die Gegend. Damit befinden wir uns auf der zweiten, der gegenwärtigen Handlungsebene, die in unregelmäßigen Perspektivwechseln immer wieder gegen die Kindheit und Jugend Ingwer Feddersens geschnitten wird. Marret ist schon lange aus dem Dorf verschwunden, keiner weiß wohin. Und auch Ingwer hat sich nach dem Studium in Kiel niedergelassen. Hier lehrt er an der Universität Frühgeschichte und lebt in einer etwas unentschiedenen Ménage à trois in einer Wohngemeinschaft mit Ragnild und Claudius. Nun hat sich Ingwer ein Sabbatjahr genommen, um seine greisen Großeltern im Dorf zu pflegen. Ella ist dement und Sönke lebt mit der Sorge, dass sie die bald bevorstehende Gnadenhochzeit, die sie natürlich bei sich in der Kneipe feiern wollen, nicht mehr erleben könnte. Auf anschauliche, leise melancholische Weise schildert Dörte Hansen die Entwicklungen im Dorf, erzählt von den Menschen und lässt darüber nachdenken, wie uns unsere Herkunft prägt, was uns Zugehörigkeit bedeutet. Neben dem von ihr selbst so bezeichneten „Ende der Sesshaftigkeit“ stehen Themen wie Verlust von sozialen Bindungen, Verödung von ländlichen Gemeinden, aber auch Gegenentwürfe dazu, zudem die Sorge um die alternden Eltern völlig unangestrengt auf der Agenda des Romans. Dörte Hansen schreibt nicht nur wunderbar, sie konstruiert ihren Roman auch äußerst geschickt und spannend, lässt genau so viel Nostalgie hinein, dass es nicht sentimental zu werden droht und es dem Leser doch ordentlich warm ums Herz wird. Alle Kapitel tragen Titel von Liedern, von Schlagern, gerne auch vom von Schriftstellern aller Art offensichtlich sehr geschätzten Neil Young. „Junge, komm bald wieder“ und „Wir wollen niemals auseinander gehen“ schallen durch die Dorfkneipe. Es fällt tatsächlich schwer, sich von diesem wieder äußerst gelungenen und auch bereits die Bestsellerlisten stürmenden Roman zu trennen. Und dass sehr bald ein neues Buch von Dörte Hansen kommen wird, darauf darf man hoffen.

Comes a Time

Von: ulrike rabe Datum: 19. January 2019

Marret Feddersen sieht in allem Möglichen Zeichen des nahenden Untergangs Schon als Kind war sie seltsam, „verdreiht“. Auf ihren Runden durch das Dorf Brinkebüll erkennt sie jeder am Geräusch ihrer Klapperlatschen. „Marret Ünnergang“ wird sie nur mehr genannt. Als viel später ihr Sohn Ingwer nach jahrelanger Abwesenheit nach Brinkebüll zurückkehrt, zieht er Bilanz. Sein Leben, das Dorf, alles hat sich gewandelt. So nimmt auch er eine Auszeit, um seinen greisen Großeltern Sönke und Ella beizustehen. Mittagsstunde, High Noon in Brinkebüll, nur dass sich hier nicht Gut und Böse im ewigen Kampf gegenüberstehen, sondern alt gegen neu, Tradition gegen Fortschritt. Es sind viele berührende Szenen, die Dörte Hansen aus dem Dorfleben beschreibt. Die Handlung verläuft in zwei Zeitebenen. Zum einen befinden wir uns in den Nachkriegsjahren bis in die 60er, Jahre des Aufbaus, der Beginn einer neuen Zeit und zum anderen in der Gegenwart, in der Brinkebüll fast wie eine Geisterstadt anmutet. Schule, Laden, die alten Höfe gibt es nicht mehr. Gerade noch Sönkes Wirtshaus besteht noch. Die Zeit der Feste im Brinkebüller Saal sind vorbei, kein Frühschoppen, kein Umtrunk bis zum Morgen. Es ist eine verkehrte Welt. Städter ziehen nach Brinkebüll, um die Ursprünglichkeit zu suchen, die die Landwirte im Zuge der Modernisierung abgeschafft haben. Es ist nicht nur das Dorfsterben, dass die Autorin beschreibt. Sie greift sehr viele Themen auf, sehr breit angelegt: Pflege der Familienangehörigen im Alter, Demenz, Inklusion, unbewältigte Kriegstraumata, die Bildungsschere zwischen Stadt und Land und vor allem die Einsamkeit und Isolation in unklaren oder ungeliebten Beziehungen. Paare, die jahrzehntelang mehr nebeneinander statt miteinander leben, die nicht miteinander reden, sondern übereinander, das macht die Geschichte über das Dorfleben hinaus universell. Es ist eine nostalgische Erzählung, durchsetzt mit wehmütigem Humor. Skurrile Figuren damals wie heute geben dem Buch eine zutiefst menschliche Seite. Aber Hansen erzählt auch von den Chancen eines Neuanfangs, einer Weiterentwicklung, der Suche und nach dem Platz im Leben.

Klapperlatschen

Von: wal.li Datum: 16. January 2019

Mit ihren Klapperlatschen klappert sie durch Brinkebüll und kündet vom nahenden Untergang, deshalb wird sie im Dorf nur Marret Ünnergang genannt. Jahre später kehrt der auch nicht mehr ganz junge Ingwer Feddersen in sein Dorf zurück. Der Archäologe hat sich ein Jahr Auszeit an der Uni Kiel genommen, wo er als Hochschullehrer tätig ist. Ein Jahr, dass er seinen Großeltern schenken möchte, die inzwischen beide über 90 etwas Hilfe benötigen. Seine Großmutter Ella ist noch rüstig, allerdings der Geist will nicht mehr. Beim Großvater Sönke ist es gerade umgekehrt, der Geist ist klar, der Körper klapprig. Für Ingwer beginnt eine Zeit der Hingabe, aber auch der Erinnerung und Besinnung auf das, was er eigentlich will. Zwischen Gegenwart und Vergangenheit mäandert dieser gehaltvolle Roman hin und her. Man erlebt die Zeit des langsamen Niedergangs eines norddeutschen Dorfes. Von der Flurbereinigung in den 1960ern an bis in die Gegenwart wird in anrührenden Episoden berichtet, wie es mit dem Dorf und seinen skurrilen Charakteren immer weniger wird. Da werden scheinbar nicht nur Wiesen und Felder begradigt, auch die knorrigen Dorfbewohner scheinen in jeder Generation eine Runderneuerung zu erleiden. Schließlich ist Sönke noch eines der wenigen verbliebenen Originale auch Dörpsmensch genannt. Immer noch betreibt er seinen Dorfkrug, der fast genauso vereinsamt ist wie das Dorf und seine Bewohner. Sehr einfühlsam beschreibt Dörte Hansen das Schicksal des fiktiven Brinkebüll, das sie zwar in Norddeutschland verortet hat, das aber vermutlich auch in jeder ländlichen Gegend gewachsen sein könnte. Urige Dörfchen mit Klein- und Großbauern, einer Gastwirtschaft, ein Tante Emma Laden, vielleicht eine Bäckerei, ein Schlachter und eine Werkstatt. Viele Leser kennen es wahrscheinlich. Was es einmal gab und was noch da ist. Wenn Felder und Wiesen wegen der Flurbereinigung getauscht werden sollten, die Straßen gemacht wurden, und ein Gewerbe nach dem anderen verschwand. Doch in jedem Verschwinden liegt auch eine Erneuerung. Die heimelige, aber auch stichelige Stimmung verschwindet. Doch eine Dorfgemeinschaft kann sich auch neu finden. Und so ist dieser Roman von Melancholie, Wind und Abschied geprägt, auch von Aufbruch, Humor und Liebe zum Land. Ein zweites Buch kann es mitunter schwer haben, wenn es mit dem ersten verglichen wird. Dieses aber braucht den Vergleich nicht zu scheuen, es ist anders zwar, aber eher im Sinne einer Weiterentwicklung und Perfektionierung. Einfach klasse geschrieben, ein Fest für solche, die vom Lande kommen und vielleicht auch für solche, die eine Entdeckung machen wollen. 4,5 Sterne

Jahresfavorit!!

Von: marvellous.books Datum: 07. January 2019

Das ist endlich mal wieder ein Buch in dem man vollkommen ein- und untertauchen kann. Dörte Hansen hat die seltene Gabe eine ganze Welt zwischen 2 Buchdeckeln erstehen zu lassen und ihre Leser darin leben und miterleben zu lassen. Wunderbar die Schilderung des dörflichen Lebens und der Menschen die dort leben. Das Dorf verändert sich, zunächst unmerklich, dann immer gravierender und mit ihm die Menschen. Dörte Hansen braucht kein Mord und Totschlag, keine komplizierte Liebesbeziehung oder überspitzt dargestellte Charaktere - ihre Bücher leben von einer "natürlichen Spannung", ruhig geschrieben und trotzdem überraschend, nicht überzogen sondern fein in der Ausdrucksweise. Immer wieder hielt ich inne, dachte, ja, so ist das, so war das, alles wahr. Ich bin selbst „Dorfkind“, mein Auto parkt jeden Tag in der alten Scheune, direkt neben dem Eingang zum früheren Schweinestall. Zu Zeiten meines Opas hatte fast jeder im Dorf Land, ein paar Kühe, und obwohl die meisten keine Vollzeitbauern waren, mein Opa auch nicht, haben sie so ihren eigenen Verbrauch an Lebensmittel gedeckt. Heutzutage gibt es 2, 3 große Bauern im Dorf und der Rest spielt allenfalls noch Landwirtschaftssimulator. Ein ganz tolles Buch, eines meiner Jahreshighlights 2018, mit unbedingter Empfehlung zum Lesen!!

Die Veränderungen des Dorflebens

Von: Chrissi66 Datum: 06. January 2019

Auf der Buchmesse hatte ich dieses Buch entdeckt und nach dem Lesen des Klappentextes wurde ich neugierig. Beschreibung des Buches: „Mittagsstunde“ ist 2018 im Peguin-Verlag als Hardcover-Buch mit 319 Seiten erschienen. Auf dem Titelbild sieht man eine Person, die ein Rind hinter sich herzuziehen scheint. Beide Lebewesen sind in schwarz/weiß auf hellem Hintergrund gehalten. Irgendwie erinnert es an eine frühere Zeit. Kurze Zusammenfassung: Der 47jährige Ingwer Feddersen kehrt in sein Heimatdorf (Norddeutschland) zurück, weil seine Großeltern sich nicht mehr ganz alleine versorgen können. Ella und Sönke hatten eine Kneipe, in der Sönke noch tapfer die Stellung hält, Ella ist dement. Während Ingwer seine Zeit im Dorf verbringt kommen ihm die Erinnerungen an frühere Zeiten und die Wandlung des Dorfes nach einer Flurbereinigung in den 1970er Jahren. Mein Leseeindruck: Mir fehlt in diesem Buch ein wenig die Handlung. Der Autorin gelingt es wunderbar die Stimmung in diesem Dorf in den verschiedenen Zeiten/Epochen zu beschreiben, auch die verschiedensten Dorfbewohner hat sie toll beschrieben, aber die eigentliche Geschichte um Ingwer und seine Mutter bzw. seine Großeltern erfährt man immer nur zwischendurch. Die Szenen zwischen den Großeltern und dem Enkel sind teils lustig, zeugen aber auch von der Hilflosigkeit des Enkels gegenüber dem veränderten Wesen der demenzkranken Oma. Der Wechsel zwischen Rückblick, Gegenwart, Beschreibungen und Ingwers Gedanken wird beim Lesen allerdings nicht immer gleich ersichtlich. Das norddeutsche Plattdeutsch kommt in diesem Buch sehr häufig vor, so dass ich mir manchmal etwas mühsam das Gesprochene „übersetzen“ musste. Dörte Hansens Sprachstil ist wunderbar. Ihre Sätze sind meist sehr lang und verschlungen, treffen aber das Beschriebenen hervorragend. Fazit: Wer über das Dorfleben in Norddeutschland vor den 1970er Jahren und die Wandlung bis hin zur Gegenwart etwas erfahren möchte, wer den wunderbaren Schreibstil von Dörte Hansen zu schätzen weiß, der kann hier zugreifen. Mir fehlte leider zum entspannten Lesen ein wenig die durchgängige Handlung.

Lesenswert

Von: Sabine Mach Datum: 02. January 2019

"Mittagsstunde" trifft genau meinen Nerv. Ich bin selbst 1962 geboren und in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Zwar nicht in Norddeutschland, sondern in Bayern, aber gibt es hier überhaupt Unterschiede? Ich glaube nicht. Abgesehen von der hier eingestreuten plattdeutschen Sprache, die den Roman angenehm bereichert, sehe ich wenige. Das Dorfleben ist wohl überall gleich. Da gibt es viel Gerede und seltsame, skurrile Charaktere.  Dörte Hansen jongliert wahrhaft meisterlich mit ihren Worten. Kaum ein Satz, der nicht passt, kaum ein Abschnitt der nicht die Situation bis ins letzte Detail widergibt. Oft ist das tragisch, traurig, macht betroffen, aber dann blitzt da wieder dieser subtile Humor durch und lässt den Leser schmunzeln. Die Autorin schreibt beinahe nebensächlich, ohne Aufregung, aber trotzdem ist man wie gefesselt vom Buch. Es ist, als ob man in seine eigenen Vergangenheit reist und alles wieder von vorne beginnt. Mich hat das Buch sehr berührt und mich über meine Jugend nachdenken lassen. Ich konnte, wie Ingwer Feddersen, auch nicht schnell genug wegkommen. Wenn ich heute in mein Heimatdorf fahre, ist es fast ausgestorben, es gibt kaum noch Bauern.  Die Charaktere hat die Autorin sehr fein gezeichnet. Sie wirken wie aus dem echten Leben. Genau solche Menschen bringt das Landleben hervor.  Ich kenne Dörte Hansens Debütroman nicht, was ich schleunigst ändern werde, denn wenn man den Rezensionen trauen darf, ist er sogar noch besser, als dieser hier. Fast nicht vorstellbar, denn Mittagsstunde gehört zu meinen absoluten Highlights aus dem vergangenen Jahr.

Wunderbares Buch

Von: Anne Schrader Datum: 27. December 2018

Trefflich beschrieben ist das Dorfleben in der damaligen Zeit, dazu die einfühlsame Darstellung der Einzelschiksale. Die Hörbuchausgabe mit Hannelore Hoger könnte nicht besser gelesen sein. Ich bin begeistert!

Mittagsstunde

Von: B47 Datum: 26. December 2018

Nach dem,Alten Land‘ wieder ein gelungenes Meisterwerk. Man mag es nicht aus der Hand legen, möchte es in einem Stück lesen. Dörte Hansen ist eine begnadete Schriftstellerin, nicht ein Wort ist ein Fehlgriff, alles greift ineinander und die Charaktere erscheinen dem Lesenden bildhaft vor Augen, unterstützt durch die eingespielte plattdeutschen Sprache.Danke für die wunderbare Lesezeit mit diesem Buch.

Menschenfreundlichkeit und ein bisschen Wehmut – Dörte Hansen: Mittagsstunde

Von: letteratura Datum: 22. December 2018

Ingwer Feddersen ist schon lange weggezogen aus dem kleinen nordfriesischen Dorf Brinkebüll, weg nach Kiel, weg an die Uni. Dort lebt er seit 25 Jahren in der gleichen Wohngemeinschaft, zusammen mit Ragnhild und Claudius, die drei verbindet eine seltsame Dreiecksbeziehung, die sich dem Außenstehenden nicht recht erschließen mag. Ingwer geht auf die 50 zu, hat das Gefühl, in einer Sackgasse zu stecken und irgendwie auch, dass er den Zurückgebliebenen in seinem Heimatdorf noch etwas schuldig ist. Zurückgeblieben, das sind seine betagten Großeltern, Ella und Sönke, die ihn wie einen Sohn aufzogen, da seine Mutter, Marret, aufgrund einer psychischen Behinderung nicht dazu in der Lage war. Ja, eigentlich wäre es Ingwers Pflicht gewesen, den Hof der Großeltern zu übernehmen, das machte man früher schließlich so, und das wurde nicht in Frage gestellt. Doch Ingwer wollte weg, er taugte nicht zum Bauern und Gastwirt. Aber irgendwie treibt ihn das schlechte Gewissen zurück, und so nimmt er sich an der Uni eine Auszeit, um Ella, die inzwischen dement ist, und den gebrechlichen Sönke zu pflegen. Das Dorf ist nicht mehr, was es einmal war, Ingwer ist nicht der Einzige, der es verlassen hat. Schon längst kauft man nicht mehr im Tante-Emma-Laden, und dass auch die Frauen ihre Führerscheine machten und nicht mehr auf ihre Männer als Fahrer angewiesen waren, ist noch länger her. Das Dorf ist anscheinend noch kleiner geworden, die große Welt umso greifbarer. Dörte Hansen erzählt in ihrem neuen, wunderbaren Roman „Mittagsstunde“ von Ingwer und seiner Familie, damals und heute. Abwechselnd tauchen wir ein in eine Dorfwelt, die es längst nicht mehr gibt, in der jeder jeden kennt, in der es viele, sehr viele unausgesprochene Regeln gibt. Und in das heutige Leben dort, das Dorf ein bisschen wie ein Schatten seiner selbst, ein bisschen verlassen, veraltet, fast ein bisschen schal. Doch Ingwer macht das nichts aus, sein Jahr in Brinkebüll hilft ihm, sich über Dinge klar zu werden. Und er hat Brinkebüll nicht im Zorn verlassen. Dörte Hansen erzählt ihre Geschichte mit bemerkenswerter Leichtigkeit, versprüht jede Menge Dorfkolorit, ihre teils sehr eigenwilligen Charaktere haben jede Menge Ecken und Kanten, sind vor allem eines: Echt. Alles ist beim Lesen so enorm plastisch, es ist, als würde man dieses Dorf hören, riechen und schmecken. Die Brinkebüller mögen dabei zum Teil nicht viel reden, Hansen gelingt es aber mit Bravour, zu ihrem Kern vorzudringen, ihre ganz menschlichen Wünsche und Nöte erfahrbar zu machen, teils wie am eigenen Körper, so sehr meint man zu spüren, was sie umtreibt. Dabei schreibt sie manchmal mit einer Beiläufigkeit, die einen an der ein oder tragischen Stelle schlucken lässt. Auch die plattdeutschen Einsprengsel verteilt sie in genau der richtigen Dosis, um das richtige Gefühl für die Charakteristika dieses Dorfes zu bekommen. Es sind universelle Themen, die in „Mittagsstunde“ im Zentrum stehen. Es ist die archaische, die vergangene Welt, die zum Leben erweckt wird, es ist aber auch der immergleiche Lauf von Abschied und Neubeginn, der sich in Ingwer manifestiert. Das Dorf, in das er zurückkehrt, ist nicht mehr der Ort, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Er weiß, viel Zeit haben seine Großeltern nicht mehr. Hier steckt viel Abschied und Neubeginn. Obwohl „Mittagsstunde“ wehmütig und nostalgisch ist, wird es hier niemals kitschig oder gefühlsduselig. Hansen balanciert sehr sicher zwischen Heiterkeit und Melancholie, schreibt teils mit sehr feinem Humor. Immer lebensbejahend, immer auf Augenhöhe mit ihren Figuren, die sie nie verurteilt. Am Ende habe ich Ingwer nur ungern ziehen lassen, hätte ihn zu gern weiter begleitet, was unbedingt für Dörte Hansens Talent und ihren sehr feinen Roman spricht. Ein Wohlfühlbuch. Kurz vor Ende des Jahres noch ein absolutes Highlight und eine Autorin, die nach nur einem Roman schon eine Lieblingsautorin ist.

Witzi unterhaltsam und spannende

Von: Anne Datum: 20. December 2018

Das Buch eine ein sprachliche Meisterleistung und jedem Satz spürt steckt Liebe einzigartiger Stil, die die Akteuere bestens formt. Nicht ohne Grund ist das Buch bei Amazon auf der Bestseller List auf Platz 1. Man erhält einen guten Einblick und Überblick in das Leben auf dem Land und kann einfach nicht aufhören zu lesen. Wünsche mir mehr solcher Bücher.

Einmal Dörpsminsch, immer Dörpsminsch

Von: Barbara62 Datum: 11. December 2018

Zweite Romane gelten als besonders schwierig, vor allem, wenn das Debüt, in diesem Falle „Altes Land“ ein spektakulärer Bestseller war. Auch ich gehe dann mit einem gewissen Bauchgrummeln an diese Nachfolger, doch hat es sich bei Dörte Hansens „Mittagsstunde“ glücklicherweise als absolut unnötig erwiesen. Schon nach wenigen Sätzen ist klar: Es ist eindeutig Dörte Hansens Stimme, die hier so unverwechselbar erzählt, mit vielen plattdeutschen und damit sehr direkten, derben Dialogen, die durchaus auch in Süddeutschland zu verstehen sind. Von den 1960er-Jahren bis heute verfolgt sie das Schicksal des fiktiven nordfriesischen Dorfs Brinkebüll und seiner urigen Bewohner. Wendepunkt für das Dorf und die Menschen war die Flurbereinigung Mitte der 1960er-Jahre, als drei junge Ingenieure vom Katasteramt die Gegend neu vermaßen und das von Gletschern geschliffene und verschrammte Altmoränenland begradigt, geteert, von Findlingen befreit und neu verteilt wurde, so dass die Feldmark nicht wiederzuerkennen war. Von nun an musste weichen, wer nicht wachsen wollte. Nach und nach verschwanden alte Höfe, der Tante-Emma-Laden, die Schule, die Dorfkastanie, die Mühle und die alte Chaussee. Der Dorfkrug von Sönke und Ella Feddersen, ehemals Mittelpunkt des Dorflebens, verlor an Bedeutung. Die Zeit der „Mittagsstunde“, einst Ruhepunkt im Dorfleben und Schutzraum für Heimlichkeiten, war vorbei, nicht nur, weil nun jeden zweiten Donnerstag der Bücherbus lautstark sein Kommen verkündete. Aber es wuchs auch Neues: Städter zogen aufs Land, Künstler übernahmen verlassene Häuser. Ingwer Feddersen, Enkel von Sönke und Ella und unehelicher Sohn der „verdreihten“ Marret, hat einst 15 Hektar Land und einen Gasthof „liegenlassen“, um in Kiel Archäologie und Frühgeschichte zu studieren. Beruflich hat er es geschafft, ist Hochschullehrer geworden, aber sein Privatleben gleicht mit 47 Jahren einem Desaster. Er hat es nie aus der Studenten-WG herausgeschafft und führt ein Leben, das er selbst als „unsortiert“, „wage“, „schwebend“ und „schief“ empfindet. Nun möchte er sich während eines Sabbaticals um seine über neunzigjähren Großeltern kümmern, um Sönke, der noch immer hinter dem Tresen steht und vom Fest zu seiner bevorstehenden Gnadenhochzeit träumt, und um Ella mit ihrer zunehmenden Demenz. Er möchte eine Schuld begleichen und vielleicht für sich selbst einen Weg zu einem Neuanfang finden. Es ist eine Lust, die vielen von Dörte Hansen ersonnenen Charaktere kennenzulernen, sei es der Dorflehrer Steensen, durch dessen Schule über dreieinhalb Jahrzehnte alle Brinkebüller Kinder gehen, sei es die energische Dorfladenbesitzerin Dora Koopmann, die Schokoladeneis erst nachbestellt, wenn das Erdbeereis verkauft ist, oder der Pfarrer, der fast an seinen dickschädeligen Schäfchen verzweifelt. Doch so liebevoll Dörte Hansens Blick auf das Dorfleben und den Zusammenhalt auch ist, verschweigt sie doch auch die Schattenseiten nicht: das Wegschauen, wenn Väter ihre Kinder prügeln, die soziale Kontrolle und das Unverständnis für Andersartige(s). Ich habe eine solch souveräne, unsentimentale Darstellung der Veränderungen des Dorflebens schon einmal gelesen in einem 2016 erschienenen, leider wenig beachteten Roman von Heinrich Maurer mit dem Titel „Die vier von der Schusterstaffel“, im Schwäbischen spielend, nicht ganz so literarisch, aber trotzdem sehr empfehlenswert. Beide Bücher liegen mir sehr am Herzen.

Das perfekte Buch für die Weihnachtstage

Von: Birgit Datum: 05. December 2018

Das Buch "Altes Land" ebenfalls von Dörte Hansen, begeisterte mich so sehr, dass ich dieses "Mittagsstunde" ohne nachdenken zu müssen direkt vorbestellte. Das Buch hat mich sehr gefesselt und zum Weinen, Lachen und Schmutzel gebracht. Ausdruck, Rhetorik, Sprache und Satzaufbau sind herzlich und wunderschön. Bin schon auf das nächste Buch sehr gespannt.

Dörpsminschen unter sich

Von: Booksnotdead_13 Datum: 27. November 2018

In „Mittagsstunde“ taucht der Leser in eine alte Welt ab. In das alte Dorf- und Bauernleben in Nordfriesland. Es geht um das Dörfchen Brinkebüll und seine „Nordköppe“, die Bewohner. Ingwer Feddersen, einst von seinen Großeltern großgezogen, kommt mit Ende 40 zurück ins Dorf, um seine alten Ersatzeltern auf den letzten Metern zu unterstützen und zu begleiten. Ingwer hat sich gegen das Leben eines „Dörpsminsch“ entschieden und ist in die Stadt gezogen und Professor an der Uni geworden. Nun fühlt er sich Brinkebüll und „Mudder & Vadder“ gegenüber verpflichtet, ein Sabbatical einzulegen und die beiden Alten zu pflegen. Dörte Hansen hat mich mit ihrem zweiten Roman absolut überzeugt. Auch wenn ich es unendlich traurig fand und ich ganz oft ganz arg schlucken musste, waren die Beschreibungen, die Charaktere und die Sprache echt toll. Ganz vieles wurde nie direkt ausgesprochen und trotzdem wusste man genau, was Sache ist. Ich habe mich beim Lesen mitten im Geschehen gefühlt und hatte direkt einen Draht zu den kauzigen Dorfbewohnern. Ich kann euch das Buch nur ans Herz lesen, vor allem wenn man ein Faible für den Norden hat und sich gerne an ein längst vergangenes Leben erinnert.

Das Dorfleben

Von: Miss Norge Datum: 21. November 2018

✿ Meine Meinung ✿ Mein erster Roman von Dörte Hansen und nach der letzten Seite ist mir klar, das ich den Vorgänger "Altes Land" auch noch unbedingt lesen muss. Die Autorin hat mich in eine Welt entführt, die ich irgendwie noch kenne. Durch manche Erwähnung, auch wenn es nur kurz und knapp war, hat sie bei mir Erinnerungen wachgerufen und ich schwelgte zwischen den Seiten in den alten 1970er Jahren. Ja, vieles habe ich wiedererkannt, das Leben früher auf dem Dorf. Zwar leider nicht auf dem platten Land in Nordfriesland, aber ist das Dorfleben nicht überall gleich? Man lässt Türen offen, die Nachbarn schlurfen herein, manch einer weiß mehr über den Anderen, als dieser selbst und geschnackt wird über Gott und die Welt. Während des Lesens habe ich oftmals das Buch zur Seite gelegt und die Gedanken schweifen lassen. Die Charaktere sind einzigartig ausgearbeitet. Genauso stelle ich mir die Dorfbewohner in Nordfriesland vor, nicht zu gesprächig, alles beobachtend und wenn jemand Neues im Ort auftaucht wird dieser erstmal genau im Auge behalten. Wie benimmt er sich, grüßt er, schnackt er mit den Leuten, passt er sich an, oder will er für sich sein. Alles wird zuerst abgecheckt und dann lässt man ihn am Dorfleben teilhaben, wenn er die Prüfungen gut gemeistert hat. Der Schreibstil ist zwar zu Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, aber es passt zu Land und Leute, etwas skurril, oftmals schrullig lustig, aber auch nachdenklich. ✿ Fazit ✿ Dörte Hansen ist eine wunderbare und großartige Geschichten-Erzählerin.

Alles hat ein Ende

Von: Kristall86 Datum: 19. November 2018

Brinkebüll. Ein kleines verschlafenes Dorf in der Geest. Ingwer Feddersen kehrt zurück in sein Heimatdorf. Hier ist er aufgewachsen als Sohn von Marret Feddersen. Besser bekannt als Marret „Ünnergang“. Die Frau die nicht ganz fit im Kopf ist, die, die mit den Klapperlatschen durchs Dorf läuft und die Menschen mit ihrem Gequassel unterhält. Sie hat den Ruf weg, weil sie immer und überall in allem ein Zeichen des Untergangs sieht...sagt man zumindest. Nicht ganz einfach aber egal. Ingwer hat hier noch etwas gutzumachen. Großvater Sönke versucht immer noch in seinem alten Gasthof die Stellung zu halten, aber das Alter macht im gehörig einen Strich durch Rechnung. Und da ist dann noch Großmutter Ella die so langsam den Verstand verliert. Demenz ist nun mal eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt. In Brinkebüll schläft schon lange alles und jeder. Nur wann begann dieser Schlaf, dieser Untergang? In den 1970ern als nach der Flurbereinigung neben den Hecken auch die Vögel verschwanden oder als Ingwer nach Kiel zum studieren ging und er das Dorf im Stich gelassen hat? Dörte Hansen hat nach ihrem Erfolgsroman „Altes Land“, in meinen Augen, einen neuen Bestseller gelandet. Ihr neuer Roman „Mittagsstunde“ übertrifft alles bisher Geschriebene von ihr. Sie erzählt mit extrem viel Feingefühl und Dynamik, mit einer präzisen und detailreichen Art und Weise die Geschichte eines fiktiven Dorfes das Genauer nicht sein könnte. Ihre Charaktere strotzen nur so vor Leben und vor allem vor Genauigkeit, vor Realität. Sie hat es geschafft, eine ganz simple Analyse, eine Dorfchronik, so zum Leben zu erwecken, dass man das Gefühl hat, sie nimmt einen, geführt durch die Figur Ingwer Feddersen, an die Hand und zeigt dem Leser durch einen „Dorfspaziergang“ „sein“ Brinkebüll. Die einzelnen Charaktere wie eben Sönke Feddersen, der mit dem Kukuckskind was aber keiner laut ausspricht oder „Cowboy“ Ketelsen, der nicht so ganz richtig im Kopf ist laut den Dorfbewohnern oder Lehrer Christian Steensen...alle wachsen sie einem ans Herz. Sind alle irgendwie arme Seelen. Man lernt jeden einzelnen sehr behutsam aber intim kennen und weiß nach kurzer Zeit wie ein „Tratschweib“ was im Dorf alles geschieht. Erzählt wird, wie bereits erwähnt, aus der Sicht von Ingwer. Er lässt den Leser unverblümt an seinem Leben und Denken teilhaben. Die Geschichte handelt schlussendlich über seine letzten 47 Lebensjahre. Von seiner Geburt bis jetzt... . Hansen‘s einfacher aber bewusster Schreibstil, besonders hervorzuheben ist hier die Plattdeutsche Sprache die sie perfekt eingesetzt hat, lässt einen abtauchen und man folgt jedem Geschehen sehr gern. In regelmäßigen Abständen blickt der Leser zum Teil in die Vergangenheit aber landet auch zum richtigen Zeitpunkt im hier und jetzt. Diese Art der Erzählungen fand ich sehr gelungen. Hansen legt in ihrer Geschichte sehr viel Wahrheit. Wer glaubt das sie sich das alles aus den Fingern gezogen hat, der irrt auf ganzer Linie. Da ich selbst auf dem platten norddeutschen Land lebe und da auch der nächste Nachbar zum Teil 1 km entfernt wohnt, kann ich nur bestätigen, das was Hansen schreibt, ist definitiv alles real. Egal wie das Dorf heißt oder die Menschen die darin leben. Hier, auf dem Land gibt es solche Leute wie Marret die den Weltuntergang vorhersagen, oder Heiko „Cowboy“ Ketelsen, der noch so jeden derben Schlag aushält und eben nicht jault, oder solche Fälle wie um Marten, oder eine Frau wie Dora Koopmann, die den letzten Tante-Emma-Laden im Dorf hält....überall in den Dörfern gibt es solche Geschichten, Menschen, Erlebnisse. Das Dörte Hansen das so gut niedergeschrieben hat, zeugt davon das sie ein unheimliches Gespür und eine sehr intensive Wahrnehmung von ihrer Umgebung und Umwelt hat. Das was sie schreibt ist täuschend echt. Ihr gelegentlicher Sarkasmus untermalt diese Geschichte perfekt. Anders kann man dieses Leben auf dem Land auch nicht ertragen. Und genau diese besonderen Stellen haben es geschafft das ich mit den Brinkebüllern gelacht aber auch geweint und getrauert habe. Die Frage nach dem eigentlich Untergang wird auch irgendwie beantwortet...schuld ist die Zeit. Es heißt immer, die Zeit heilt alle Wunden aber nicht so in eben solche Dörfern. Sie macht auch kaputt. Der stetige Zeitenwandel verändert nunmal und oft auch nicht zum Positiven. Da hatte Hansens „Marret >Ünnergang< Feddersen“ recht - de Welt geit ünner. So eben auch das Leben im Dorf - egal wo. So eine simple aber eindringliche Geschichte vom Kommen und Gehen eines Dorfes niederzuschreiben, ist eigentlich ganz einfach, aber keiner kann es so gut Dörte Hansen. Sie ist eine von denen, die das Leben auf dem Land liebt und schätzt. Ein „Dörpminsch“ eben... vielleicht trauert Hansen genau diesem Leben auch mit ihrem Buch „Mittagsstunde“ hinterher...wir werden es nicht erfahren, aber ich kann sie sehr gut verstehen wenn es so sei. Und eines steht fest: dieses Buch hallt nach! Für jeden auf seine Weise. Dieses Buch gehört definitiv gelesen und ist eines meiner Jahreshighlights 2018! Ich danke dem Penguin-Verlag für das kostenfreie Rezensionsexemplar!

Alles hat ein Ende

Von: Kristall86 Datum: 19. November 2018

Brinkebüll. Ein kleines verschlafenes Dorf in der Geest. Ingwer Feddersen kehrt zurück in sein Heimatdorf. Hier ist er aufgewachsen als Sohn von Marret Feddersen. Besser bekannt als Marret „Ünnergang“. Die Frau die nicht ganz fit im Kopf ist, die, die mit den Klapperlatschen durchs Dorf läuft und die Menschen mit ihrem Gequassel unterhält. Sie hat den Ruf weg, weil sie immer und überall in allem ein Zeichen des Untergangs sieht...sagt man zumindest. Nicht ganz einfach aber egal. Ingwer hat hier noch etwas gutzumachen. Großvater Sönke versucht immer noch in seinem alten Gasthof die Stellung zu halten, aber das Alter macht im gehörig einen Strich durch Rechnung. Und da ist dann noch Großmutter Ella die so langsam den Verstand verliert. Demenz ist nun mal eine der schlimmsten Krankheiten überhaupt. In Brinkebüll schläft schon lange alles und jeder. Nur wann begann dieser Schlaf, dieser Untergang? In den 1970ern als nach der Flurbereinigung neben den Hecken auch die Vögel verschwanden oder als Ingwer nach Kiel zum studieren ging und er das Dorf im Stich gelassen hat? Dörte Hansen hat nach ihrem Erfolgsroman „Altes Land“, in meinen Augen, einen neuen Bestseller gelandet. Ihr neuer Roman „Mittagsstunde“ übertrifft alles bisher Geschriebene von ihr. Sie erzählt mit extrem viel Feingefühl und Dynamik, mit einer präzisen und detailreichen Art und Weise die Geschichte eines fiktiven Dorfes das Genauer nicht sein könnte. Ihre Charaktere strotzen nur so vor Leben und vor allem vor Genauigkeit, vor Realität. Sie hat es geschafft, eine ganz simple Analyse, eine Dorfchronik, so zum Leben zu erwecken, dass man das Gefühl hat, sie nimmt einen, geführt durch die Figur Ingwer Feddersen, an die Hand und zeigt dem Leser durch einen „Dorfspaziergang“ „sein“ Brinkebüll. Die einzelnen Charaktere wie eben Sönke Feddersen, der mit dem Kukuckskind was aber keiner laut ausspricht oder „Cowboy“ Ketelsen, der nicht so ganz richtig im Kopf ist laut den Dorfbewohnern oder Lehrer Christian Steensen...alle wachsen sie einem ans Herz. Sind alle irgendwie arme Seelen. Man lernt jeden einzelnen sehr behutsam aber intim kennen und weiß nach kurzer Zeit wie ein „Tratschweib“ was im Dorf alles geschieht. Erzählt wird, wie bereits erwähnt, aus der Sicht von Ingwer. Er lässt den Leser unverblümt an seinem Leben und Denken teilhaben. Die Geschichte handelt schlussendlich über seine letzten 47 Lebensjahre. Von seiner Geburt bis jetzt... . Hansen‘s einfacher aber bewusster Schreibstil, besonders hervorzuheben ist hier die Plattdeutsche Sprache die sie perfekt eingesetzt hat, lässt einen abtauchen und man folgt jedem Geschehen sehr gern. In regelmäßigen Abständen blickt der Leser zum Teil in die Vergangenheit aber landet auch zum richtigen Zeitpunkt im hier und jetzt. Diese Art der Erzählungen fand ich sehr gelungen. Hansen legt in ihrer Geschichte sehr viel Wahrheit. Wer glaubt das sie sich das alles aus den Fingern gezogen hat, der irrt auf ganzer Linie. Da ich selbst auf dem platten norddeutschen Land lebe und da auch der nächste Nachbar zum Teil 1 km entfernt wohnt, kann ich nur bestätigen, das was Hansen schreibt, ist definitiv alles real. Egal wie das Dorf heißt oder die Menschen die darin leben. Hier, auf dem Land gibt es solche Leute wie Marret die den Weltuntergang vorhersagen, oder Heiko „Cowboy“ Ketelsen, der noch so jeden derben Schlag aushält und eben nicht jault, oder solche Fälle wie um Marten, oder eine Frau wie Dora Koopmann, die den letzten Tante-Emma-Laden im Dorf hält....überall in den Dörfern gibt es solche Geschichten, Menschen, Erlebnisse. Das Dörte Hansen das so gut niedergeschrieben hat, zeugt davon das sie ein unheimliches Gespür und eine sehr intensive Wahrnehmung von ihrer Umgebung und Umwelt hat. Das was sie schreibt ist täuschend echt. Ihr gelegentlicher Sarkasmus untermalt diese Geschichte perfekt. Anders kann man dieses Leben auf dem Land auch nicht ertragen. Und genau diese besonderen Stellen haben es geschafft das ich mit den Brinkebüllern gelacht aber auch geweint und getrauert habe. Die Frage nach dem eigentlich Untergang wird auch irgendwie beantwortet...schuld ist die Zeit. Es heißt immer, die Zeit heilt alle Wunden aber nicht so in eben solche Dörfern. Sie macht auch kaputt. Der stetige Zeitenwandel verändert nunmal und oft auch nicht zum Positiven. Da hatte Hansens „Marret >Ünnergang< Feddersen“ recht - de Welt geit ünner. So eben auch das Leben im Dorf - egal wo. So eine simple aber eindringliche Geschichte vom Kommen und Gehen eines Dorfes niederzuschreiben, ist eigentlich ganz einfach, aber keiner kann es so gut Dörte Hansen. Sie ist eine von denen, die das Leben auf dem Land liebt und schätzt. Ein „Dörpminsch“ eben... vielleicht trauert Hansen genau diesem Leben auch mit ihrem Buch „Mittagsstunde“ hinterher...wir werden es nicht erfahren, aber ich kann sie sehr gut verstehen wenn es so sei. Und eines steht fest: dieses Buch hallt nach! Für jeden auf seine Weise. Dieses Buch gehört definitiv gelesen und ist eines meiner Jahreshighlights 2018! Ich danke dem Penguin-Verlag für das kostenfreie Rezensionsexemplar!

Auf den Spuren der Vergangenheit

Von: Harakiri Datum: 18. November 2018

Es ist Mittag im Alten Land. Die Menschen ziehen sich auf ihre Küchenbänke und Stubensofas zurück und ruhen sich aus. Doch was ist jetzt los? Der Büchereibus fährt auf den Vorplatz und hupt! Ein erstes Zeichen der Veränderung in einem kleinen Bauerndorf in Ostfriesland. Ingwer Feddersen kommt aus der Stadt zurück, um seine alten Eltern zu pflegen und erlebt ein Dorf, das er so nicht mehr in Erinnerung hat. Dörte Hansen schreibt vom Wandel, aber auch vom Zusammenhalt der Dorfbewohner. Von früheren Zeiten und von jetzigen. Von besseren und schlechteren. Und von den Charakteren, die so ein Dorf hervorbringt. Da ist der alte Sönke, der vom Krieg wieder kommt und erst einmal rechnet, ob das Kind im Bauch seiner Frau überhaupt von ihm sein kann. Und da ist Marret „halfbackt“ – die ihr Neugeborenes nicht annehmen kann und in der Schwangerschaft lieber vom Heuboden springt, als sich die Schande eines unehelichen Kindes anzutun. Denn genau das ist es noch in dem kleinen Dorf. Zumindest vor dem Wandel. Anfangs fand ich die Schreibweise von „Mittagsstunde“ noch etwas schwer und ich tat mich nicht leicht, in die Handlung zu finden. Die Leute schnacken platt – da hätte ich manchmal schon einen Dolmetscher gebraucht. Doch mit der Zeit habe ich mich dann eingelesen und auch die Handlung hat mich fortgerissen. Ich sah das Dorf sehr gut vor mir, der kleine Dorfladen, die Bäckerei, in der alle zusammenkommen, die düsteren Bauernhöfe und die kleine Volksschule, in der 9 Klassen gleichzeitig unterrichtet werden. Hansen zeichnet ein Bild vom Wandel. Ob dieser gut oder schlecht ist muss jeder für sich selbst entscheiden. Hansen zeichnet aber vor allem auch ein Bild des Dorflebens in der Vergangenheit. Und das hat mich begeistert. Wie die Leute alle treffsichere Beinamen bekommen und wie man sich am Abend im Dorfgasthaus trifft, um sich auszutauschen – so ein klein wenig habe ich auch noch davon mitbekommen und ja, manchmal habe ich mich während des Lesens doch in meine Kindheit und die Ferienzeit bei der Oma im kleinen Dorf zurückgesehnt.

Dorfleben im Wandel der Zeit

Von: Sommerlese Datum: 11. November 2018

In diesem Roman entwickelt sich die Geschichte eines alten Bauerndorfs im Wandel der Zeit über sechzig Jahre. Von kleinen Bauernhöfen bis hin zur Flurbereinigung und ihren ökologisch fragwürdigen Veränderungen der Landwirtschaft. Wir lernen die Dorfbewohner näher kennen, "Dörpsminschen", die Feste feiern und hart anpacken können und von der Natur und den Jahreszeiten abhängig sind. Die ihre eigenen Geheimnisse hüten, die besondere Angewohnheiten haben oder zu solchen Unikaten zählen, wie man sie früher in jedem Dorf finden konnte. Marret ist so ein schrulliger Charakter, der mich berührt, verwundert, weil sie in ihrer ganz eigenen Welt lebt. Als sie 17-jährig ein Kind erwartet, weiß sie nichts damit anzufangen. Ihre Eltern, die Gastwirte Sönke und Ella Feddersen, nehmen ihr diese Aufgabe ab und ziehen Ingwer groß. Er geht zum Studium nach Kiel, promoviert in Archäologie und lebt in einer Dreier WG. Lange führt er dieses Leben zu dritt, doch es füllt ihn nicht aus und mit 47 macht er ein Sabbatical, um in Brinkebüll seine demente Großmutter und seinen betagten Großvater zu pflegen. Ingwer lässt das Dorfleben Revue passieren, zieht eine Bilanz seines Lebens und die Autorin fügt als Erzählerin einige Vorkommnisse hinzu. Das Buch liest sich fantastisch. Dörte Hansen zeichnet ihre Figuren mit viel Einfühlungsvermögen und ihr eingestreutes Platt sorgt für authentische Figuren. Dank der perfekt beschriebenen, knorrigen Charaktere taucht man mit ins Dorfleben ein und erlebt einen Wandel der Zeiten, der den Dörflern seine Spuren aufdrückte. Ein wunderbarer Roman mit besonderen Charakteren, deren Geschichte man gern verfolgt. Figuren und Unikate, die sich dem Leser ins Herz graben, als wären es alte Bekannte. Ein Dorfleben im Wandel der Zeit und ein ganz besonderer Heimatroman, den man unbedingt lesen sollte.

Abschied von der bäuerlichen Kultur

Von: Christiane Wilkening Datum: 10. November 2018

Liebe Frau Hansen, mit Spannung und immer wieder großer Berührung habe ich der Lesung Ihrer „Mittagsstunde“ in ndr-Kultur und auch dem Interview mit Ihnen zugehört. Drei Wochen lang wurde ich jeden Morgen in meine Kindheit und Jugend in den 60er und 70er Jahren versetzt, in denen ich, nicht wie Ihre Protagonisten auf der Geest, sondern in einem schaumburg-lippischen Dorf voller Trachten und Traditionen aufgewachsen bin. Als Jugendliche habe ich den Zerfall der bäuerlichen Kultur mitterlebt: Wie die Trachten zu einem Symbol für altmodisches Leben und nach und nach von den Frauen an den Nagel gehängt wurden; wie der alte Lehrer des Dorfes mit den Schülerinnen und Schülern die alten Steine und kunstvollen Fachwerkhäuser, die einzelnen Elemente der Tracht, die alten Bäume, Bäche und Zäune der Feldmarken fotografierte, um sie für die Nachwelt, ja, das war ihm bewußt, zu erhalten. Wie das „Wachse oder Weiche!“ zum Aufgeben kleinerer oder mittlerer Höfe führte, wie junge Frauen vom Hof, auf dem sie selbständig Haus und Hof, Garten, Stall und Familie gemanagt hatten, weg in die Stadt in Drei- oder Vierzimmerwohnungen zogen und, als „Ungelernte“, irgendwelche unqualifizierten Jobs annahmen. Wie andere anfingen zu pendeln … Wie zuerst die Pferde, dann die Misthaufen von den Höfen verschwanden; wie die Spaltenböden für die Schweine eingeführt wurden, die Ställe zu Garagen und die ganze lebendige Hoflandschaft still und kahl wurden. Wie die alten niedersächsischen Bauernhäuser verkauft oder zu Wohnhäusern wurden, von keinem Hof mehr umgeben; wie die Öfen aus den Häusern gerissen und durch Nachtspeicheröfen ersetzt wurden. Wie Landhausmode Einzug hielt und aus den gerade eben noch lebendig erlebten schaumburg-lippischen Trachten, dem Achttourigen, dem berühmten Zuckerkuchen, den großen Bauernhochzeiten mit ihren Hochzeitssuppen und überhaupt aus allem Folklore wurde. Wie die Äcker immer mehr von den Ackerrändern, Böschungen und Gräben auffrassen, die zuvor noch mit Pferden beackert worden waren, wie die Hecken abgeholzt und die Wiesen umgepflügt wurden. Das war damals. Jetzt, nach einem Leben in der Stadt und Jahrzehnte später, erlebe ich hier auf dem Lande in Mecklenburg-Vorpommern, wie als Ergebnis dieses Prozesses die großflächige industrielle Landwirtschaft mit ihrer Bewirtschaftungsweise und den Ackergiften den Boden und das Leben zerstören. Was wird daraus folgen? Alle Menschen, alles, was Sie in Ihrem Buch beschreiben und auf so leichte und doch tiefe Weise erzählen, ist mir vertraut in seiner Entwicklung, in seinem Verlust und in seinem Schmerz. Ich danke Ihnen, dass Sie mit Ihrer Geschichte den Menschen auf dem Lande und dem Prozess des Zerfalls der bäuerlichen Kultur - ja, ein Denkmal gesetzt haben. Obwohl - das wollten Sie wahrscheinlich gar nicht, sicher wollten Sie kein Denkmal errichten, sondern eine richtig gute Geschichte erzählen und Menschen berühren. Das ist Ihnen gelungen. Ich danke Ihnen! Mit freundlichen Grüßen, Christiane Wilkening P.S. Zufällig las ich in derselben Zeit „Heile Welt“ von Walter Kempowski, in dem ähnliche Prozesse auf dem Lande, nur 10, 15 Jahre früher und eher in einer heiteren Weise beschrieben werden.

Ein literarisches Erlebnis, ein Heimatroman, der mit viel Feingefühl erzählt wird.

Von: sommerlese Datum: 10. November 2018

In diesem Roman entwickelt sich die Geschichte eines alten Bauerndorfs im Wandel der Zeit über sechzig Jahre. Von kleinen Bauernhöfen bis hin zur Flurbereinigung und ihren ökologisch fragwürdigen Veränderungen der Landwirtschaft. Wir lernen die Dorfbewohner näher kennen, "Dörpsminschen", die Feste feiern und hart anpacken können und von der Natur und den Jahreszeiten abhängig sind. Die ihre eigenen Geheimnisse hüten, die besondere Angewohnheiten haben oder zu solchen Unikaten zählen, wie man sie früher in jedem Dorf finden konnte. Das Buch liest sich fantastisch. Dörte Hansen zeichnet ihre Figuren mit viel Einfühlungsvermögen und ihr eingestreutes Platt sorgt für authentische Figuren. Dank der perfekt beschriebenen, knorrigen Charaktere taucht man mit ins Dorfleben ein und erlebt einen Wandel der Zeiten, der den Dörflern seine Spuren aufdrückte. Ein wunderbarer Roman mit besonderen Charakteren, deren Geschichte man gern verfolgt. Figuren und Unikate, die sich dem Leser ins Herz graben, als wären es alte Bekannte. Ein Dorfleben im Wandel der Zeit und ein ganz besonderer Heimatroman, den man unbedingt lesen sollte.

Landkeben ganz ohne Kitsch

Von: Micha More than words Datum: 09. November 2018

In gewisser Weise scheint das Landleben im Moment eine Faszination auf AutorInnen und LeserInnen auszuüben, denn einige Romane, die in Brandenburg, in Hessen oder im Westerwald spielen, waren letzthin recht erfolgreich. Auch der erste Roman von Dörte Hansen "Altes Land" gehört dazu. Das Buch war 2015 ein echter Bestseller. Mit "Mittagsstunde" ist nun das zweite Buch der Autorin im Penguin Verlag erschienen. Diesmal taucht Dörte Hansen noch intensiver ins Leben auf dem Dorf ein. Der fiktive Ort Brinkebüll in Nordfriesland ist der Schauplatz der Geschichte. Im Gasthof der Familie Feddersen treffen die Menschen im Dorf zusammen. Hier schlüpft die eigenwillige Tochter Marret hinter Schränke und beobachtet die Landvermesser, die in den 1960er Jahren kommen, um die Flurbereinigung vorzubereiten. Hier pflegt viele Jahre später Marrets Sohn Ingwer die alten Wirtsleute. Ingwer kennt als Vor- und Frühgeschichtler auch das Leben in der Stadt und doch kann er seine Herkunft vom Dorf nicht abschütteln. "Seltsam kreisten die Kartoffelkinder lebenslang um ihre Dörfer, blieben auf den Umlaufbahnen, die sie hielten, nicht zu nah und nicht zu fern." Mit den Landvermessern und der Flurbereinigung verändert sich das Dorf, es entstehen Landstraßen und Neubaugebiete und irgendwann kennt nicht mehr jeder jeden und manche grüßen noch nicht einmal. Dörte Hansen zeichnet diese Veränderungen mit großer Präzision nach. Dabei wird das alte Dorfleben nicht als heile Welt gezeigt. Es gibt Gewalt in manchen Familien, Engstirnigkeit und Affären. Aber die Menschen in dem friesischen Dorf leben mit einer Gleichmut und ohne große Ansprüche. Manches wird registriert, aber es werden keine Diagnosen vergeben. Und so zeichnet die Autorin eine verschwundene Welt, die es so heute nicht mehr gibt. Mir ist Dörte Hansens Roman in gewisser Weise sehr vertraut, denn die Ruhe der Mittagsstunde, wenn kein Auto fährt und niemand auf der Straße ist, die kenne ich auch aus meiner Kindheit in einem Hundertseelendorf in der Eifel. Brinkebüll ist ein Dorf, wie es überall sein könnte und daher fühlt man sich in der Geschichte schnell zuhause. Die Autorin schaut ganz genau hin. Sie blickt auf ihre Figuren mit liebevollem Respekt und ganz viel Humor. Besonders die plattdeutschen Einsprengsel und Dialoge gefallen mir gut (und sind auch für Nichtfriesen verständlich). Ein wunderbar lebendiger und warmherziger Roman, der das Landleben ganz ohne Kitsch und Verklärung zeigt. Unbedingte Leseempfehlung!

Ein Buch, das mit authentischen Charakteren und einer starken Sprache begeistert

Von: Nabura Datum: 06. November 2018

„De Welt geiht ünner“ – davon ist Marret Feddersen schon lange überzeugt. Überall im kleinen Dorf Brinkebüll sieht die die Anzeichen: Ein Sommer ohne Störche, tote Bäume, Felder ohne Hasen, tote Rehe, tote Kinder. Marret Ünnergang, wie sie bald nur noch genannt wird, ist im kleinen Dorf Brinkebüll aufgewachsen, ihren Eltern gehört die Gastwirtschaft. Doch mit ihren Gedanken war sie immer schon ganz woanders. Mit siebzehn wird sie schwanger, danach noch sonderlicher. Jahrzehnte später kehrt ihr Sohn Ingwer ins Dorf zurück. Er ist promovierter Archäologe, steckt mit seinem Leben jedoch irgendwie fest und hat ein Sabbatjahr beantragt, um seine Großeltern zu pflegen. Nach vielen Jahren wird er wieder ein Teil der Dorfgemeinschaft und blickt mit einer frischen Perspektive auf deren Sitten und unausgesprochene Regeln. Doch wo ist sein Platz? Der erste Roman der Autorin, „Altes Land“, hat mir sehr gut gefallen, weshalb ich mich auf diesen zweiten Roman gefreut habe. Auch „Mittagsstunde“ spielt in einem dörflichen Umfeld in Nordfriesland. Dort hat sich im Laufe der letzten fünf Jahrzehnte einiges verändert. Zuerst begegnet der Leser der sonderlichen Marret Feddersen. Diese verkündet jahrelang den Weltuntergang und sieht in jedem einschneidenden Ereignis ein Zeichen dafür. Auf Klapperlatschen läuft sie durchs Dorf und erzählt jedem davon, eine alte Zeitschrift des Wachtturms ist ihr Beweis. In der Gegenwart kehrt Marrets Sohn Ingwer ins Dorf zurück, dem er vor langer Zeit den Rücken gekehrt hat. Das Dorfleben hat sich inzwischen stark geändert: Der Dorfladen ist zu, die Schule auch, die meisten Bewohner haben das Vieh abgeschafft und die verlassenen Gebäude wurden von Stadtflüchtigen renoviert. Nur für Ingwers Großmutter Ella ist das alles noch lebendig, sie leidet an Demenz. Dafür ist die körperlich noch deutlich fitter als ihr Mann Sönke, der mit seiner zunehmenden Gebrechlichkeit hadert. Die Geschichte springt zwischen den 60er Jahren und der Gegenwart hin und her, sodass für den Leser deutlich wird, was sich verändert hat und welche Entwicklung die Charaktere in dieser langen Zeitspanne gemacht haben. Dabei begegnen dem Leser viele Charaktere, die etwas schrullig und verschroben, aber irgendwie liebenswert sind. Der Leser erhält Einblick ins alltägliche Dorfleben, rauschende Feste, viel Getratsche und das starke Gemeinschaftsgefühl, dass die langjährigen Einwohner verbindet. Es gibt viele unterhaltsame Szenen, zum Beispiel wenn Ingwers alter schmächtiger Schulkamerad plötzlich in Cowboykluft auftaucht, einen künstlichen Büffelschädel neben die Jagdtrophäen hängt und Zugezogenen Line Dance beibringt. Genauso oft gab es Momente, die mich berühren konnten. Denn wenn die Charaktere auf die letzten rund fünfzig Jahre zurückblicken und Bilanz ziehen, erinnern sie sich nicht nur an die schönen Momente, sondern auch an all das, was sie bereuen. Und da gibt es so einiges, vieles davon ist seit Jahrzehnten unausgesprochen. Der Autorin gelingt es, den Verlust des Ursprünglichen und den Aufbruch in eine neue Zeit mit all seinen Konsequenzen deutlich zu machen. Dabei findet sie genau die richtigen Worte. Viele Stellen habe ich markiert, weil die Sätze nur allzu wahr und treffend sind. Die Charaktere schließt man schnell ins Herz, sie haben Tiefe und ich konnte mit ihnen mitfühlen. Der Fokus liegt darauf, Momente und Gefühle einzufangen. Für Ingwer steht schließlich eine wichtige Entscheidung an, die ich gut nachvollziehen konnte. Mich konnte das Buch mit seinen authentischen Charakteren und einer starken Sprache begeistern, sodass ich es gern weiterempfehle!

"De Welt geiht ünner."

Von: Frau Lehmann Datum: 04. November 2018

"De Welt geiht ünner." Diese Botschaft trägt Marret Feddersen, genannt Marret Ünnergang, durch das Dorf. Brinkebüll ist ein typisches nordfriesisches Dorf, wo seit Generationen alles seinen gewohnten Lauf nimmt und jeder jeden kennt. Doch mit der Flurbereinigung in den sechziger Jahren beginnen die Veränderungen. Die alten Kastanien werden gefällt, die Dorfstraße asphaltiert und verbreitert, Pferde durch Maschinen ersetzt. Und irgendwann kommen die Störche nicht mehr und der Fortschritt überrollt die Menschen. Ingwer Feddersen ist in Brinkebüll groß geworden, hat studiert und ist dann nach Kiel gezogen. Nun kommt er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern. "Mittagsstunde" ist ein Roman über das Dorfsterben, über fehlenden Nachwuchs, schließende Schulen und Läden, zerfallende Dorfstrukturen. Es ist aber auch ein Roman über Zusammenhalt, Mitmenschlichkeit und Fürsorge. Mit den Dorfgemeinschaften verschwindet eine ganze Welt. Traditionen werden bedeutungslos, Wissen über das Land und seine Besonderheiten geht verloren, die Kinder sollen hochdeutsch sprechen. Das ist der Fortschritt und der Fortschritt kommt von außen. Während der Flurbereinigung wird die alte Felderstückelung aufgelöst, die Knicks niedergebaggert, der Weg frei gemacht für Großmaschinen. Wer nicht mitspielt geht unter. Ein Bauer nach dem anderen gibt auf, bis nur noch ein paar Großbauern überlebt haben. Das zieht natürlich Konsequenzen nach sich. Höfe stehen leer und verfallen oder werden von Fremden bezogen, indes nicht mehr bewirtschaftet. Die bringen ihre Kinder aber nicht zur Dorfschule und kaufen auch lieber in den Supermärkten außerhalb ein. Und ja, auch das verbesserte Bildungsangebot beschleunigt das Dorfsterben. Der Nachwuchs zieht in die Welt hinaus, das Dorf ist ihnen zu klein und eng, nur die Alten bleiben zurück. Wer nun aber denkt, Dörte Hansen hätte ein düsteres und hoffnungsloses Buch über alte Zeiten geschrieben, der irrt. Warm und ein bisschen wehmütig erzählt sie von den vergangenen Zeiten, zeigt aber auch, wie sehr die Dorfgemeinschaften unser heutiges Heimatbedürfnis ansprechen. Feinfühlig wechselt sie zwischen Gestern und Heute, porträtiert gekonnt Land und Leute. Ihre Charaktere sind das Besondere, jeder Einzelne ist einzigartig und so voller Leben, dass es nur schwer vorstellbar ist, dass Brinkebüll und seine Bewohner fiktiv sind, Erfindungen einer Autorin. "Mittagsstunde"zählt für mich definitiv zu den wunderbarsten Neuerscheinungen dieses Jahres. Es ist warmherzig, humorvoll, nachdenklich und lebensnah und ich habe jede Sekunde Lesezeit geliebt. Ein bißchen Angst hat es mir aber doch auch gemacht. Wir hoffen demnächst in ein reales Brinkebüll zu ziehen, einen Neunhundert-Seelen-Ort direkt an der Nordseeküste. Und werden dort sicherlich erstmal die Zugezogenen sein, die Fremden, die einen der alten Höfe gekauft haben. Aber eines ist sicher: "moin" sagen, das können wir immer und in jedem Fall. Das hätten wir sogar vor der Lektüre dieses Romans gekonnt. Und irgendwie macht mir das dann wieder Hoffnung.

Nichts währt ewig

Von: Elke Heid-Paulus Datum: 03. November 2018

„Mittagsstunde“ ist ein Heimatroman. Wer allerdings idyllischen Kitsch à la Förster-im-Silberwald erwartet, wird enttäuscht sein. Ihr geht es eher darum zu zeigen, was das dörfliche Leben ausmacht und wie es sich im Lauf der Jahre verändert hat. Brinkebüll, in kleines Dorf in Nordfriesland. Ingwer Feddersen ist dort geboren, aufgewachsen und weggegangen, hat studiert, lebt jetzt in einer Dreier-WG in Kiel und kommt an den Wochenenden zurück, um seine mittlerweile tütteligen Großeltern zu versorgen. Mit seinen Augen sehen wir auf die Veränderungen, den Wandel, der auch vor Brinkebüll nicht Halt gemacht hat. Er ist ein Wanderer zwischen zwei Welten, der sich in keiner der beiden richtig heimisch fühlt. Da ist einerseits das großstädtische Leben, in dem jeder für sich ist, andererseits aber auch der dörfliche Kokon, in dem jeder von jedem alles weiß. Wer Frau und Kinder schlägt oder nicht ganz richtig im Kopf ist. Wo man die Eigenheiten des anderen kennt und toleriert. Ein Ort der Sicherheit, Beständigkeit. Aber nichts währt ewig, es ist die große Flurbereinigung in den sechziger Jahren, die die Moderne einläutet. Äcker werden begradigt, neu verteilt, zusammengelegt, um die Bewirtschaftung zu optimieren. Ein Schlag mit der Axt, der alte Strukturen aufbricht, Vertrautes verschwinden lässt, das Leben im Geestdorf nachhaltig verändert. Ein Roman über Verwurzelung, über Kindheit und Erwachsenwerden, über Weggehen und Heimkommen. Nie sentimental, aber immer mit einem melancholischen Blick auf das, was verloren ist. Um mit Joni Mitchell zu sprechen: „Du weißt nicht, was du hattest, bis es verschwunden ist…sie haben das Paradies gepflastert und einen Parkplatz daraus gemacht“ (übersetzte Textzeile aus: Big yellow taxi).

Eifelkindheit wiedergefunden

Von: Ederi Datum: 30. October 2018

Liebe Frau Hansen, so berührend und aufwühlend habe ich lange kein Buch mehr erlebt. Als hätten Sie mich wieder in mein Heimatdorf in der Eifel der 60er/70er Jahre zurückgebeamt. Zum Teil hatte ich regelrechte Beklemmungen. Der Kampf , auf die höhere Schule zu dürfen in die Kreisstadt. Die Angst, dass jeder alles von jedem weiß. Der Lehrern der Volksschule, der die Jungen prügelte, bis sie wimmernd am Boden lagen nd die Mädchen an den kleinen Haaren vom Stuhl hochzog bis die Tränen liefen. Zu Hause nichts erzählen dürfen, weil nur Beschimpfen das Ergebnis war. Wenn der Lehrer schlägt, gab es sicher einen Grund. Wir wussten alle, dass die meist geschundenen Kinder auch zu Hause von ihrem Vater noch vor der Arbeit morgens im Stall geprügelt wurden. Der Bauer, der auch seine Frau schlug. Und keiner griff ein. Bei uns kam zusätzlich noch der widerliche ka5holische Pfarrer dazu, der den kleinen Mädchen immer die Hand kraulte beim Aufsagen von Katechismuszeilen. Auch davon konnten wir nichts erzählen, keine Eltern hörten hin. ich war so stolz und glücklich, aufs Gymnasium zu dürfen. Dort wurden wir Dorfkinder auch erstmal verachtet . So schnell wie möglich musste ich weg und bin immer noch froh, aus dieser Dorfenge rausgekommen zu sein. Die Verklärung des Landlebens kann ich hier im Großstadtumfeld nicht nachvollziehen, wollte es auch nie meinem Kind zumuten. Vielen Dank für dieses Buch, ich muss es allen meinen alten Freundinnen weitergeben.

Dorfleben im Wandel der Zeit

Von: sommerlese Datum: 30. October 2018

Nach ihrem erfolgreichen Debüt "Altes Land" erscheint nun im Penguin Verlag Dörte Hansens zweiter Roman "Mittagsstunde". In Brinkebüll, einem Geestdorf, ticken die Uhren wie in allen Dörfern. Der Alltag der Bauern wird durch die Viehhaltung bestimmt. In den 1970ern sorgte die Flurbereinigung für eine entscheidende Veränderung, die auch das Höfesterben nach sich zog und die Jugend in die Städte abwandern lässt. Nur die großen Höfe überleben. Ingwer Feddersen kehrt für ein Sabbatical ins Heimatdorf zur Pflege seiner alten Großeltern zurück. "Es war ein großes Missverständnis. Die Leute aus der Großstadt suchten die Natur und das Ursprüngliche, und in den Dörfern wurde es gerade abgeschafft." Zitat Seite 268 In diesem Roman entwickelt sich die Geschichte eines alten Bauerndorfs im Wandel der Zeit über sechzig Jahre. Von kleinen Bauernhöfen bis hin zur Flurbereinigung und ihren ökologisch fragwürdigen Veränderungen der Landwirtschaft. Wir lernen die Dorfbewohner näher kennen, "Dörpsminschen", die Feste feiern und hart anpacken können und von der Natur und den Jahreszeiten abhängig sind. Die ihre eigenen Geheimnisse hüten, die besondere Angewohnheiten haben oder zu solchen Unikaten zählen, wie man sie früher in jedem Dorf finden konnte. "Marret war verdreiht, schon vor der Klapperlatschenzeit und vor den Untergängen, sie war noch nie normal gewesen. ... Ein Knäuel Mensch, verfilzt, schief aufgerollt. 'Es gab die Sorte überall, in jedem Dorf. ...Halfbackte, wunderliche Menschen." Zitat Seite 35 Marret ist so ein schrulliger Charakter, der mich berührt, verwundert, weil sie in ihrer ganz eigenen Welt lebt. Als sie 17-jährig ein Kind erwartet, weiß sie nichts damit anzufangen. Ihre Eltern, die Gastwirte Sönke und Ella Feddersen, nehmen ihr diese Aufgabe ab und ziehen Ingwer groß. Er geht zum Studium nach Kiel, promoviert in Archäologie und lebt in einer Dreier WG. Lange führt er dieses Leben zu dritt, doch es füllt ihn nicht aus und mit 47 macht er ein Sabbatical, um in Brinkebüll seine demente Großmutter und seinen betagten Großvater zu pflegen. Ingwer lässt das Dorfleben Revue passieren, zieht eine Bilanz seines Lebens und die Autorin fügt als Erzählerin einige Vorkommnisse hinzu. Das Buch liest sich fantastisch. Dörte Hansen zeichnet ihre Figuren mit viel Einfühlungsvermögen und ihr eingestreutes Platt sorgt für authentische Figuren. Dank der perfekt beschriebenen, knorrigen Charaktere taucht man mit ins Dorfleben ein und erlebt einen Wandel der Zeiten, der den Dörflern seine Spuren aufdrückte. Ein wunderbarer Roman mit besonderen Charakteren, deren Geschichte man gern verfolgt. Figuren und Unikate, die sich dem Leser ins Herz graben, als wären es alte Bekannte. Ein Dorfleben im Wandel der Zeit und ein ganz besonderer Heimatroman, den man unbedingt lesen sollte.

Von: Gisela John-Küster Datum: 13. August 2018

Ich habe "Altes Land" als Hörbuch gekauft für eine Autofahrt von Edewecht/Oldenburg nach Berlin. Ich war ungemein begeistert von der akustischen Wiedergabe des Romans durch Hannelore Hoger. Jetzt höre ich beim Autofahren täglich die Erzählung erneut und fühle mich fast als Familienmitglied in dieser wunderbaren Familiensaga. Und diese Stimme der Hoger - einfach phantastisch! Ich habe lange nicht mehr einen Zugang zu solch begeisternder und eindringlicher Erzählung gehabt.Das neue Buch der Dörte Hansen macht mich sehr gespannt.

Atmospärisch dicht und bildgewaltig geschrieben

Von: Nicoles Bücherwelt Datum: 30. March 2019

Mittagsstunde in Brinkebüll… Ingwer Feddersen ist in dem kleinen Dorf Brinkebüll in Nordfriesland aufgewachsen. Doch später zog es ihn zum Studieren und Arbeiten nach Kiel. Nun kehrt er mit 47 Jahren zurück – denn er hat noch etwas gutzumachen. Seine Großeltern, beide inzwischen über neunzig, leben weiterhin dort – in einem Dorf, das Stück für Stück verschwindet. Angefangen mit dem Niedergang hat es in den 1970er Jahren nach der Flurbereinigung und dem Verschwinden der Hecken und Vögel. Auch Ingwer verschwand – nach Kiel. Doch im alten Gasthof, der seine besten Zeiten längst hinter sich hat, hält Ingwers Großvater Sönke weiterhin die Stellung. Doch Ingwer macht sich zunehmend Sorgen, auch um seine verwirrte Großmutter Ella. Er blickt zurück und überdenkt sein eigenes Leben… „Die Arbeit der Vermessungsingenieure war getan, sie hatten Brinkebüll bereits erledigt, abgehakt. In ihren Flurkarten und Plänen gab es dieses alte Dorf nicht mehr, es war auf dem Papier schon ausradiert, berichtigt und begradigt.“ – Seite 31,eBook Nach ihrem Debüt „Altes Land“ ist „Mittagsstunde“ der zweite Roman der Autorin Dörte Hansen. Schauplatz hier ist das fiktive nordfriesische Dorf Brinkebüll, das Mitte der 1960er Jahre große Veränderungen durchmachte und danach Stück für Stück weniger wurde. Was Dörte Hansen hier besonders gelungen ist: Die detailreiche und atmosphärisch dichte Beschreibung des Dorfes – sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart. Sie fängt viele einzelne kleine Momente des typischen Dorflebens ein und gibt sie auf ihre ganz eigene Art wieder. Ob Sommerhitze und klirrend kalter Winter – bildgewaltig schildert sie die jeweiligen Gegebenheiten. Aber auch die Charaktere sind sehr gut und stark beschrieben. Die Handlung spielt in der Gegenwart, springt aber auch oft in die Vergangenheit. Dort wird vor allem das Leben von Ingwers Mutter und das der Großeltern beschrieben, sowie seine eigene Kindheit. So setzt sich nach und nach ein Bild zusammen – sowohl von den Haupt- und Nebencharakteren, als auch vom Dorf selbst, wie es langsam auf das Vergessen zustrebt. Auch kommt hier das typische Dorfleben zur Geltung – Jeder scheint alles zu wissen, es gibt Geheimnisse und oft wird auch einfach weggeschaut: „Sie hörte alles. Alle hingehaltenen Wahrheiten, wer wen mit wem betrogen hatte, wer Schulden nicht bezahlen konnte, wer schlug und wer geschlagen wurde. (…) Sie kannte dieses Dorf von seiner Unterseite, wusste Dinge, die der Pastor gar nicht wissen durfte und die Polizei auch besser nicht.“ – Seite 113, eBook Es wird tragisch und auch mal traurig, es gibt Abschiede und ein Neubeginn, aber auch überraschende Entwicklungen. Nach und nach entfaltet sich die Geschichte des Dorfes und deren Bewohnern und ergibt am Ende ein vollständiges Bild. Mein Fazit: Ein atmosphärisch dichter Roman, der den Leser schnell packt. Dörte Hansen gibt hier das Damals und das Heute eines fiktiven Dorfes mit ihren ganz eigenem und besonderem Schreibstil wieder. Einen halben Stern ziehe ich ab, da die Zeitenwechsel manchmal etwas durcheinander waren und man sich neu orientieren musste. Doch das ist nur ein winziger Kritikpunkt. „Mittagsstunde“ ist mal komisch, mal herzlich, aber oft auch berührend – bildgewaltig geschrieben und sehr lesenswert. 4,5 von 5 Sternen.

Einfach nur wunderbar

Von: Ponine T. Datum: 16. January 2019

Die Wolken hängen schwer über der Geest, als Ingwer Feddersen, 47, in sein Heimatdorf zurückkehrt. Er hat hier noch etwas gutzumachen. Großmutter Ella ist dabei, ihren Verstand zu verlieren, Großvater Sönke hält in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung. Er hat die besten Zeiten hinter sich, genau wie das ganze Dorf. Wann hat dieser Niedergang begonnen? In den 1970ern, als nach der Flurbereinigung erst die Hecken und dann die Vögel verschwanden? Als die großen Höfe wuchsen und die kleinen starben? Als Ingwer zum Studium nach Kiel ging und den Alten mit dem Gasthof sitzen ließ? Mit großer Wärme erzählt Dörte Hansen vom Verschwinden einer bäuerlichen Welt, von Verlust, Abschied und von einem Neubeginn. Ich habe „Altes Land“ ein bisschen verpasst und war deshalb wirklich brennend daran interessiert, Dörte Hansen als Autorin zu entdecken. Nachdem ich dann die Inhaltsangabe zu diesem neuen Roman von ihr gelesen habe, stand für mich fest, dass ich ihn einfach haben muss, und zum Glück hat das bloggerportal mir diesen Wunsch erfüllt. Also habe ich es mir neulich auf der Couch gemütlich gemacht und was soll ich sagen, ich habe dann direkt in einem Rutsch dieses Buch verschlungen. Die Charaktere in dem Buch werden mit wenigen und kräftigen Pinselstrichen gezeichnet, und dennoch ergibt sich aus allen ein so facettenreiches Bild. Das Verhältnis von Ella und Sönke, Ingwers Mutter Maaret, Ingwer selbst und seine Dreiecksbeziehung – die Figuren wirken lebensecht, es sind nicht einfach nur Typen, sondern wirkliche Charaktere. Mit vielen ihrer Handlungen musste ich mich im Nachhinein noch beschäftigen. vieles wird nur angedeutet in diesem Roman, der immer wieder das Nichtsprechen thematisiert. Überhaupt, das Sprechen. Oder im Fall eiens Romans – die Sprache. Immer wieder gab es Passagen, die ich mir laut vorlesen mussste – manchmal auch mehrfach – weil sie so schön klingen, so einfach und doch sso tief gehen. Grade die Dialoge der Geestbewohner, die so wenig sprechen und damit so viel sagen – Dörte Hansen schafft es so gekonnt, diesen norddeutschen Geist einzufangen, dass ich einfach alles vor mir gesehen habe. Was Dörte Hansen beherrscht ist, in Nebensätzen ganze Abgründe aufzutun, ihre Gedanken ganz klar zu strukturieren und trotzdem einen solcehn Stream of Consciousness loszulassen, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann. Ich bin absolut begeistert von diesem Buch und muss mir jetzt unbedingt „Altes Land“ besorgen. Ein absolutes Highlight für 2019 habe iich also schon direkt im Januar gefunden.

„De Welt geit ünner“

Von: Literaturwerkstatt-kreativ / Blog Datum: 06. January 2019

„Literaturwerkstatt- kreativ / Blog“ stellt vor: „Mittagsstunde“ (Hörbuch) von Dörte Hansen Nordfriesland – Brinkebüll Der 47 jährige Ingwer Feddersen ist promovierter Archäologe und seit langem an der Uni in Kiel als Hochschullehrer tätig. Er nimmt ein Sabbatjahr, um in sein Heimatdorf Brinkebüll, wo er geboren und aufgewachsen ist, zurückzukehren. Seine Großmutter Ella ist dement und auch bei seinem Großvater Sönke lassen die Kräfte nach; dennoch hält Dieser stur wie eh und je die Stellung in der alten Dorfkneipe. Diese hat allerdings schon bessere Zeiten gesehen, genauso wie Brinkebüll. „ ……keine Schule mehr, kein Bäcker und kein Kaufmann. Keine Störche auf dem Dach der Kirche, auf den Feldern keine Kühe, nur noch Mais und Wind. Als wäre eine ganze Welt versunken“ Ingwer kümmert sich nun um die Kneipe und um seine Großeltern, die ihn groß gezogen haben. Er nutzt die Zeit um über sein Leben nachzudenken und es Revue passieren zu lassen. Dabei stellt er fest, dass er sich eigentlich nach einer dauerhaften Partnerin sehnt. Denn, so richtig glücklich ist er in seiner Kieler WG, zusammen mit Ragnhild und Claudius, nicht mehr. Und so gehen Ingwer Feddersen Gedankengänge weit zurück, eng verbunden ist dieser Streifzug natürlich mit dem Dorf Brinkebüll und dessen Geschichte. Fazit: Dörte Hansen hatte mich bereits mit ihrem Debütroman „Altes Land“ in ihren Bann gezogen und mit „Mittagsstunde“ hat sie jetzt noch eins drauf gesetzt. Ich bin einfach hin und weg. Die Autorin schafft mit Brinkebüll ein fiktives Dorfes – welches natürlich stellvertretend für viele Dörfer steht – das sich Mitte der Sechzigerjahre, mit der großen Flurbereinigung, nach und nach veränderte. Aus den kleinen Feldern wurden große Ackerflächen, Hecken verschwanden und mit Ihnen die Tiere. Die Autorin hat hervorragend für ihren Roman recherchiert und ich fand es absolut spannend, von den dörflichen Veränderungen, aber auch den Menschen die dort lebten, mehr und mehr zu erfahren. In Brinkebüll kannte jeder jeden und Geheimnisse blieben nicht lange geheim und natürlich hatte jedes Dorf auch ihre Sonderlinge. In Brinkebüll war es Marret Feddersen, die Mutter von unserem Protagonisten Ingwer Feddersen. „Marret Feddersen, die in Klapperlatschen durchs Dorf zog und prophezeite: „De Welt geit ünner“.“ Auch die anderen Charaktere des Romans hat Hansen hervorragend herausgearbeitet, ja kreiert – zum Lachen, zum Weinen, zum Schreien, zum Schütteln – alles erdenkliche Potenzial ist dabei und wird von der Autorin hervorragend in Szene gesetzt. Einfach tolle Charaktere, die man so schnell nicht vergisst. Hervorzuheben ist auch ihre sehr genaue, auf den Punkt kommende, treffsichere und facettenreiche Sprache, mit der die Autorin Kopfkino par excellence entstehen lässt. Besonders gefallen hat mir auch die immer wiederkehrende plattdeutsche Sprache, die von Hannelore Hoger als Sprecherin hervorragend umgesetzt wird. Ihre knarzige und knorrige Stimme ist einfach wie geschaffen für diese geniale Erzählung. Ich glaube solch einen dichten und ergreifenden Roman kann man nur schreiben, wenn man Land und Leute gut kennt, mit ihnen groß geworden ist und eine gute Beobachtungsgabe hat. In den Sätzen und Formulierungen spürt man deutlich die tiefe Zuneigung von Dörte Hansen zu den Menschen und der nordfriesischen Gegend. Einfach grandios und absolut empfehlenswert !!!

Vom Verschwinden der Dorfkultur

Von: Susanne Martin Datum: 12. December 2018

Das ist ein wunderbares (Hör)Buch, es hat mir fast noch besser gefallen als „Altes Land“, weil es literarisch noch dichter ist. Dörte Hansen gelingt es, ein kunstvolles Handlungsgeflecht zu entwerfen. Sie bewegt sich dabei mühelos zwischen Vergangenheit und Gegenwart und erweckt das Dorf, aber auch ihre Figuren mit viel Wertschätzung, Humor und feiner Ironie, die jedoch nie verletzend wird, zum Leben. Bei manchen Szenen musste ich laut lachen, wenn zum Beispiel Ingwer’s WG beschrieben wird, manchmal war ich aber auch zu Tränen gerührt. Dabei ist das beileibe kein Heimatroman! Brinkebüll könnte überall sein, das Verschwinden alter Dorfkulturen ist nicht nur ein nordfriesisches Phänomen. „Zeitalter fingen an und endeten“ erkennt auch Ingwer Feddersen am Ende, dem Land ist es egal, was Menschen tun, ob sie bleiben oder weiterwandern. Hannelore Hoger liest diesen Roman kongenial. Ihre rauhe Stimme und ihr norddeutscher Akzent passen perfekt zur Geschichte und die immer wieder eingestreuten kurzen Passagen in Platt verstand ich weitestgehend auch als Süddeutsche. Dabei muss man sich für dieses Hörbuch Zeit nehmen, es genießen und sich auch konzentrieren, damit einem die vielen kleinen Perlen und Andeutungen nicht entgehen. Fazit: Mein absolutes Highlight in diesem Bücherjahr, ein tolles Hör- und Lesevergnügen! Absolute Empfehlung!