Wie aus einer Erotikboutique ein Lifestyle Tempel wurde

Die wunderbare Boutique Bizarre von Kay Arnold

Draußen tobt der Verkehr, und ein paar müde Gestalten schlurfen am frühen Nachmittag über die Reeperbahn, jene Straße, die Hamburger gerne als sündigste Meile Deutschlands bezeichnen. Zwischen Kneipen im Ballermann-Stil, Spielhöllen und Stundenhotels fällt mir die Boutique Bizarre mit ihrer blitzblanken weißen Fassade und den aufgeräumten, edel wirkenden Schaufenstern sofort ins Auge. Sobald sich die Eingangstür hinter mir schließt, tauche ich ein in eine völlig andere Welt. Kein Lärm dringt nach innen, das Licht ist gedämpft, ein paar Besucher, darunter junge Pärchen, aber auch einzelne Männer und Frauen, bewegen sich ohne Scheu durch die Wunderwelt der Erotik.

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Erotikhändler als Vorreiter

Auf 1400 Quadratmetern hat Kay Arnold, der Geschäftsführer und Macher hinter der Boutique Bizarre, ein Paradies für Freunde des sinnlichen Lebenswandels geschaffen. Die Auswahl an Büchern, erotischem Schmuck, Kleidung und Wäsche, DVDs, Vibratoren und Fetischartikeln ist so groß wie nirgends sonst. „Wir verstehen uns als Vollsortimenter, deshalb bieten wir die komplette Bandbreite“, erklärt Kay Arnold ganz nüchtern. Der gelernte Bankkaufmann, der lange im Vertrieb gearbeitet hat, kam per Zufall an den Laden. Berührungsängste hatte er keine, denn seine Passion ist das Verkaufen. „Natürlich ist die Thematik spannender, als Versicherungen zu vertreiben“, gibt er augenzwinkernd zu. Sein Umfeld reagierte übrigens bemerkenswert gelassen. „Keiner war schockiert, „eher überrascht“, wie Arnold erzählt. Dass dieser Mann für mehr als eine Überraschung gut ist, wurde mit dem Umbau vier Jahre später klar. Damals legte er nebeneinander gelegene Läden zusammen, machte Durchbrüche, um etwa eine Galerie zu schaffen, in der regelmäßig Ausstellungen laufen. Und er inszenierte Erotik in einer bis dahin nicht gekannten Art. Kay Arnold: „Wir sind in vielerlei Hinsicht Vorreiter. Denn wir haben Erotik aus der Schmuddelecke herausgeholt und waren die Ersten, die Erotik als Lifestyle im Ladengeschäft inszeniert haben.“

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Fast 50% der Käufer sind Frauen

Und es stimmt: Die aufwändige Präsentation der Waren, das besondere Licht und die große Auswahl – gerade auch an hochwertigen Toys, geschmackvollem Schmuck und heißer Erotik-Fashion – hat so gar nichts mit jenen düsteren Orten zu tun, die lange Zeit das Bild von Sexshops in Deutschland prägten. Auch das Internet ist für Arnold keine Konkurrenz. „Wir inszenieren ein erotisches Einkaufserlebnis und regen die Fantasie an.“ Das kommt besonders bei Frauen sehr gut an. Fast 50% der Käufer sind weiblich, kommen mit ihrem Freund, aber auch alleine. Das Alter der Kunden reicht von 18 bis 88.

Für die Frauen hat Kay Arnold sogar eine eigene Lady‘s Corner eingerichtet, von einem hübschen Kronleuchter illuminiert und versehen mit einer großen Auswahl an sexy Club-Kleidung sowie Dessous für jeden Geldbeutel. Eine wahre Fundgrube ist die Boutique Bizarre auch für Korsetts und Corsagen, die auf Wunsch auch individuell angefertigt werden. Massageöle, Nippelschmuck und aufwändige Masken runden das Angebot für Frauen ab. Und natürlich führt die Boutique Bizarre neben unzähligen Sex-Toys spezielle Frauen-Spielzeuge wie etwa den Womanizer. Auch bei den Pornofilmen beweist Kay Arnold ein gutes Händchen in Hinblick auf die weibliche Käuferschaft. Bietet der Shop doch zahlreiche Filme, die „ein bisschen sinnlicher sind und nicht nur Gerammel und Genitalien in Großaufnahme zeigen“, so Kay Arnold schmunzelnd.

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Bondage-Workshops und Paar-Toys liegen im Trend

Das Personal in der Boutique ist übrigens lässig unaufgeregt. Ich kann in Ruhe stöbern, ohne ständig angequatscht zu werden, bekomme aber ausführliche Auskunft, sobald ich eine Frage stelle. Das Team um Kay Arnold schafft es, ein Gefühl größter Selbstverständlichkeit zu verbreiten. Super-angenehm ist außerdem, dass es in dem Laden keine aufdringlichen Glotzer gibt. Die Privatsphäre bleibt also gewahrt, worauf die Boutique Bizarre größten Wert legt.

Einen wesentlichen Unterschied zu seinen Anfängen sieht Kay Arnold in der Professionalisierung der Branche. „Es haben sich ganze Industriezweige entwickelt. So gibt es heute professionelle Peitschenmacher. Früher hat man einfach etwas aus dem Reitsport benutzt. Die Vibratoren sind aus hochwertigem Silikon hergestellt, modern designt und bieten heute vielfältige Modi anstatt wie früher nur zwei Regelstufen.“ Kurzum: Erotik ist mehr denn je ein florierender Geschäftszweig, nur die Produkte und Vorlieben haben sich geändert.

Anregungen für sein Sortiment holt sich der Erotikhändler auf speziellen Messen etwa in Las Vegas oder in China. Für sich persönlich findet er alles spannend, was zu zweit Spaß bringt. Paar-Toys ebenso wie Bondage-Artikel für Einsteiger zählen seiner Beobachtung nach zu den großen Trends der letzten Jahre. „Fifty Shades of Grey“ lässt grüßen. Zweimal im Monat können Interessierte in der Boutique Bizarre sogar an Bondage-Workshops teilnehmen. Auch mit Ausstellungen lockt er Besucher in den Laden. „Man muss schon immer wieder etwas Spannendes kreieren, um Kunden zu überraschen.“ Vielleicht ist auch gerade deswegen das Überraschungs-Paket der Boutique Bizarre das erfolgreichste Produkt im Laden, gefolgt von Vibratoren. Die schönste Erotik lebt eben doch von einem Hauch an Ungewissheit und viel eigener Fantasie.

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