Die Formen der Liebe

Formen der Liebe

Liebe ist nicht gleich Liebe – das begreifen wir schnell, wenn wir darüber nachdenken, wen wir lieben: Unsere:n Partner:in lieben wir anders als unsere Kinder oder unsere Eltern, und auch die Liebe zu Freund:innen fühlt sich noch einmal ganz anders an. Und dann gibt es noch viel mehr, was wir lieben können: Musik, bestimmtes Essen, die Natur, unseren Hund.

Es gibt also verschiedene Formen der Liebe, soweit sind wir alle uns wohl einig. Aber auf die Frage, wie viele Formen der Liebe es nun gibt, und wie diese Formen definiert werden können, gibt es viele verschiedene Antworten.

Wie viele Formen der Liebe gibt es?

Verschiedene Forscher, Coaches, Philosophen und Psychologen (oder auch Hobby-Psychologen) stellen unterschiedliche Modelle zum Thema „Formen der Liebe“ vor. Man findet Modelle mit drei, sechs, sieben, zehn, 13, 14 und mehr Formen der Liebe. Niemand von ihnen hat Recht oder Unrecht – die Forschungen, Definitionen, Gedankengänge haben nur unterschiedliche Schwerpunkte und Voraussetzungen und auch nicht immer einen Anspruch auf Vollständigkeit.

Liebe gehört zu den Phänomenen, die das Menschsein ausmachen, und trotz aller hormoneller Grundlagen ist sie so ein individuelles Gefühl, dass sie sich wahrscheinlich für immer zumindest teilweise der Wissenschaft und nüchternen Betrachtungsweise entziehen wird. Das heißt aber natürlich nicht, dass es nicht interessant oder sinnvoll ist, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wir möchten zwei Modelle vorstellen, die immer wieder erwähnt und verwendet werden, wenn auch nicht immer vollständig und exakt so, wie sie von den jeweiligen Forschern entworfen worden sind.

Die sechs Formen der Liebe nach John Alan Lee

Der kanadische Soziologe John Alan Lee (1933 – 2013) stellte ein Modell mit sechs Arten der Liebe auf. Bei ihm geht es nur um die Paarbeziehung, oder zumindest wird sein Modell in der Regel nur auf Paarbeziehungen angewandt. Seine sechs Arten haben keinen Ausschließlichkeitscharakter, stattdessen setzen sich die meisten Partnerschaften aus mehreren der Liebesformen zusammen.

  1. Eros (Romantik/ Leidenschaft): Diese Form der Liebe äußert sich in der körperlichen Anziehung zum:zur Partner:in. Sie umfasst intensive Gefühle wie sexuelles Interesse, Verliebtheit und Sehnsucht nach einander.
  2. Storge (Freundschaft/ Vertrautheit): Die Freundschaft innerhalb der Liebesbeziehung ist gekennzeichnet durch ein Vertrauensverhältnis zueinander. Die Liebenden respektieren einander wie sie sind, mit ihren Stärken und Schwächen, und lieben einander auf geistiger/ mentaler Ebene. Man nennt dies auch die plantonische Liebe. Oft verwendet man diesen Begriff zwar exklusiv für Freundschaften ohne sexuelle Ebene, aber natürlich existieren Eros und Storge in den meisten langjährigen Liebesbeziehungen parallel und ergänzen einander.
  3. Ludos (Eroberung/spielerische Liebe): Hierbei geht es um das Gefühl der (sexuellen) Eroberung eines:einer Partners:Partnerin. Zwar wird Ludos häufig als Ungebundenheit ohne feste Beziehung betrachtet, um etwa das zu bezeichnen, was Menschen in Affären und bei One Night Stands miteinander verbindet, aber das spielerische Element, das Abenteuer in der Liebe können natürlich auch Paare in festen Bindungen miteinander erleben, indem sie zum Beispiel Abwechslung in ihr Liebesleben bringen und immer wieder etwas Neues ausprobieren.
  4. Pragma (Zweckmäßigkeit): Zweckmäßigkeit oder Pragmatismus klingt im Zusammenhang mit Liebe unromantisch und gefühllos, muss aber nicht negativ sein. Es  geht zwar bei der Pragma darum, aus bestimmten Gründen eine Beziehung einzugehen oder aufrecht zu erhalten (zum Beispiel zur Familiengründung oder um im Alter Unterstützung und Gesellschaft zu haben). Die Liebenden verbindet dann vor allem das gemeinsame Ziel und die Anziehung liegt hier in den persönlichen Fähigkeiten oder Eigenschaften der Menschen. Gerade das kann aber sehr harmonische, kompromissbereite Beziehungen schaffen, die von einer zuverlässigen Zufriedenheit gekennzeichnet sind und bis in hohe Alter hinein halten.
  5. Mania (Besessenheit/ besitzergreifende Liebe): Diese recht extreme Form der Liebe ist eine Steigerung der Eros-Liebe. Der:die Liebende fühlt sich nicht nur absolut sexuell angezogen von der:dem Partner:in und hat größte Sehnsucht nach ihm:ihr, sondern kann sich ein Leben ohne ihn:sie kaum noch vorstellen. Er:sie ist der Lebensmittelpunkt. Mania empfinden in der Regel Menschen, die Angst vor Verlust haben. Übertriebene Eifersucht und Unsicherheit sind typische Bestandteile der Mania-Liebe, die meist keinen langfristigen, gesunden Bestand haben kann.
  6. Agape (Selbstlosigkeit/ Altruismus): Die Agape-Liebe stellt das Wohl des:der Partners:Partnerin über alles andere, auch über das eigene Wohl. Sie ist gekennzeichnet von Hilfsbereitschaft, Opferbereitschaft und Bedingungslosigkeit. Sie ist, was Menschen emotional an ihre Partner:innen bindet, selbst wenn diese schwer erkranken, entstellt werden, sich emotional verschließen oder die Beziehung eine schwere Krise durchläuft.

Die 14 Formen der Liebe nach Tim Lomas

Der britische Psychologe Tim Lomas fasst den Begriff der Liebe weiter und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Lebensbereichen. Er definiert 14 Formen der Liebe, denen er, ebenso wie John Alan Lee, griechische Begriffe zuweist, und übernimmt die Begriffe des Kanadiers, die er allerdings teilweise aus dem rein romantischen Kontext herauslöst.

  1. Der nicht-zwischenmenschliche Bereich hat ihm zufolge drei verschiedene Liebesarten:
    Meraki: Die Liebe zu Aktivitäten. Diese Liebe empfinden Menschen, wenn sie ihren Leidenschaften nachgehen: Musik machen, zeichnen, Wandern gehen, und so weiter.
    Choros: Sie ist die Liebe zu Orten oder auch die Heimatliebe, das sichere Gefühl, an einen bestimmten Ort zu gehören.
    Eros: Ganz nach John Alan Lee, verstehen wir unter Eros meistens etwas, das mit Leidenschaft und Erotik zusammenhängt. Lomas hingegen hat in seiner Studie „eros“ als die Liebe zu Gegenständen entdeckt. Deshalb haben Menschen Lieblingskleidungsstücke, oder Möbel- und Erinnerungsstücke, von denen sie sich niemals trennen würden. Er leitet diese Definition aus der Verwendung des Begriffs im alten Griechenland ab, wo „eros“ gebraucht worden ist, um eine Art ästhetische Wertschätzung auszudrücken.
  2. Die zwischen-menschliche, aber nicht romantische bzw. sexuelle Liebe hat ebenfalls drei Arten:
    Storge ist bei Lomas die Liebe zur Familie, also zu Kindern, Eltern, Großeltern oder Geschwistern, die wie bei Lees Modell von Vertrauen, Loyalität und Respekt gekennzeichnet ist.
    Philia ist die Liebe zu Freunden. Sie bezeichnet eine planontische Liebe auf geistiger Ebene zwischen Menschen, die nicht verwandt sind und kein sexuelles Interesse aneinander haben. In manchen modernen Modellen hat sie dieselbe Bedeutung wie Lees Storge und wird auf die mentale Ebene in Liebesbeziehungen angewendet.
    Philautia ist die gesunde Liebe zu sich selbst. Sie ist nicht zu verwechseln mit einer übermäßigen, narzisstischen Selbstliebe.
  3. Die romantische Liebe bekommt von Lomas fünf verschiedene Formen. Die ersten drei übernimmt er von Lee: Mania, Ludos und Pragma.
    Hinzu kommen bei noch die Epithymia, eine Art leidenschaftliches Verlangen (vermutlich das Pendant zu Lees Eros) und Anánke, die schicksalhafte, vorherbestimmte Liebe. Der Forscher bringt diesen Ausdruck mit Begriffen wie „Unvermeidlichkeit“ oder „Unwiderstehlichkeit“ in Verbindung.
  4. Vervollständigt wird Lomas‘ Modell von drei weiteren, über die persönliche Liebe zwischen Menschen, die sich kennen, hinausgehende Arten der Liebe:
    Agápe ist bei ihm das Mitgefühl beziehungsweise die Nächstenliebe. Sie funktioniert natürlich wie bei Lee innerhalb der Beziehung, ebenso wie zu Familienmitgliedern, Freunden, aber auch zu vollkommen fremden Menschen sowie zu Tieren. Ärzte zum Beispiel, die im Rahmen von „Ärzte ohne Grenzen“ in gefährliche Krisengebiete fahren, sind meistens wohl hauptsächlich von dieser Art der überpersönlichen Liebe motiviert. Ebenso Menschen, die ehrenamtlich Auffangstationen für Wildvögel oder andere Tiere unterhalten.
    Koinonia ist das partizipatorische Bewusstsein. Es ist das Gefühl von Liebe, Rührung oder Verbundenheit, das Menschen spüren, wenn sie mit vielen anderen Menschen etwas erleben oder sich für etwas einsetzen, zum Beispiel einem Konzert beiwohnen oder gemeinsam für etwas demonstrieren.
    Sebomai ist schließlich die religiöse Liebe, die Ehrfurcht vor einer Gottheit.

Philosophische und psychologische Bücher über Liebe

Liebe ist wohl etwas, worüber sich Menschen Gedanken machen werden, so lange sie existieren. Viele Denker haben ihre Gedanken dazu in ihren Büchern dargelegt. Interessieren dich philosophische und psychologische Ansätze zu diesem Thema? Dann können wir dir diese Bücher ans Herz legen:

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