Let’s talk about sex, baby!

lets-talk-about-sex
© Juttaschnecke / photocase.de

Dr. Christoph Ahlers ist Sexualwissenschaftler und Sexualpsychologe. Seit zwanzig Jahren berät, untersucht und behandelt er Singles und Paare. Vor einigen Jahren gab er der ZEIT ein Aufsehen erregendes Interview mit dem Titel: „Vom Himmel auf Erden. Wissen wir wirklich alles über Sex?“ Die Resonanz war so gewaltig, dass er ein Buch zum Thema geschrieben hat.

Herr Ahlers, ist die Liebe nicht gerade für junge Menschen ein Zeichensystem, das schwierig zu verstehen ist?

Verliebtheit kann tatsächlich wie eine fette 300-GB-Datei auf dem eigenen Rechner sein, die sich bei Doppelklick nicht öffnet. Nach wiederholten Versuchen erscheint auf dem Bildschirm ein Fenster mit rotem Kreuz, und da steht: „Anwendungssoftware nicht verfügbar“. Das erleben viele Jugendliche: Alles ist da, die Erfüllung all meiner Bedürfnisse liegt vor meinen Augen auf meiner eigenen Festplatte. Ich klicke drauf, doppelt, immer wieder, aber die Anwendungssoftware fehlt. Ich weiß nicht, was ich tun muss, um mein Herz und das des anderen zu öffnen und zueinanderzukommen.

Heißt verlieben nicht auch, sich in Würde lächerlich zu machen?

Ich finde, eine anrührende Form, sich bloßzustellen und zu entäußern, ist Verliebtheit dann, wenn sie auf Gegenliebe stößt. Nicht erwiderte Verliebtheit erleben die meisten Menschen als buchstäblich peinlich. Damit Verliebtheit nicht schmerzhaft wird, braucht es einen liebevollen und gütigen Blick des anderen.

Ist Liebeskummer in der Jugend tatsächlich schlimmer als später im Leben?

Das würde ich nicht uneingeschränkt bestätigen. Aber klar ist: Wenn man jung ist, ist man im Zweifelsfall „mit Haut und Haar“ verliebt, also: nichts anderes als verliebt. Je jünger wir sind, desto größer und absoluter erleben wir unsere Gefühle. Für viele ist die erste Liebe so global und gewaltig, dass sie den Eindruck haben, später nie wieder eine vergleichbare Intensität des Verliebtseins erlebt zu haben.

Reden wir über Sex. Oder ist über Sex nicht längst alles gesagt? Was verstehen sie darunter?

Sex ist die intimste Form von Kommunikation, die uns Menschen zur Verfügung steht. Unsere Möglichkeit, Liebe leiblich erleben beziehungsweise bei Leibe begreifen zu können. Sex ist die Möglichkeit, über intimen Körperkontakt elementare Mitteilungen zu machen und zu empfangen.

Also ist Sex eine Sprache? Kann Sex noch mehr ausdrücken als Angenommensein und Geborgenheit?

Ich würde sagen, ja. Der Facettenreichtum sexueller Kommunikation ist ähnliche vielfältig wie der der gesprochenen Sprache. Jeder weiß, dass durch ein und dieselbe Aussage etwas völlig Unterschiedliches ausgedrückt werden kann. Das ist beim Sex genauso. Sex bedeutet auch nicht immer das Gleiche.

Wie stellt man Intimität überhaupt her?

Ich glaube nicht, dass „man“ Intimität „herstellen“ kann. Wir können nur Voraussetzungen dafür schaffen, dass Intimität entstehen kann. Ein ziemlich großer Unterschied, wie ich finde. Intimität ist das, was Sexualität intensiv und erfüllend macht, aber gleichzeitig auch das, was vielen Menschen an Sexualität Angst macht.

Wie ist eigentlich wirklich das Verhältnis von gutem Sex und der Zufriedenheit mit der Partnerschaft?

Es gibt durchaus Paare, bei denen die partnerschaftliche und die sexuelle Beziehung divergieren, Paare, die sich im einen verstehen und im anderen uneins sind. So wie es in sexueller und partnerschaftlicher Hinsicht so gut wie nichts gibt, was es nicht gibt. Im Allgemeinen ist es aber so, dass sich die Qualität der partnerschaftlichen und der sexuellen Beziehung wechselseitig wiederspiegeln. Das hat einen einfachen Grund: Wenn ich mich als Mensch in meiner Beziehung gemeint, gesehen und gewollt fühle, dann erlebe ich genau das auch in sexueller Hinsicht. Und umgekehrt: Wenn ich mich in sexueller Hinsicht angenommen und gemocht fühle, dann fühle ich mich auch als Partner oder Partnerin so.

Ist der berüchtigte „Versöhnungssex“ ein Mythos?

Nein, das ist kein Mythos. Davon berichten mir viele Menschen. Beim Versöhnungssex geht es darum, sich durch körperliche Wiederannäherung von dem angstauslösenden Gedanken zu befreien, vom anderen abgelehnt und womöglich verlassen zu werden.

Welche Phänomene finden Sie im Bereich des Online Datings am interessantesten?

Jeder sechste deutsche Internetnutzer ab 14 Jahren hat im Netz bereits nach einem Partner gesucht. Was bedeutet das für den Kennlernprozess? Wenn man sich trifft, ist schon vieles ausgemacht, man hat sich schon selbst als Produkt deklariert, den Beipackzettel und die Gebrauchsanweisung konnte das Gegenüber im Voraus online lesen und sich entsprechend vorbereiten. Ich will nicht sagen, dass solche Treffen aufgrund dieser Tatsache keine ganz eigene Spannung entfalten können, dass sie keine Erlebnisqualität, kein Geheimnis und keinen Kitzel haben. Aber in meiner Praxis fallen mir zwei Dinge immer wieder an Paaren auf, die sich über Onlinepartnerbörsen kennengelernt haben. Erstens: Onlinepaare starten stumm! Ihnen fehlt der Gründungsmythos. Und zweitens: Es scheint mir so zu sein, als ob Menschen, die sich über eine Partnerbörse kennengelernt haben, häufiger von dem Glauben getragen werden, Ansprüche an den anderen und das Beziehungsgeschehen stellen zu dürfen. Das liegt meines Erachtens daran, dass der ausgefüllte Fragebogen des anderen eine Erwartung konstruiert, die es nun einzulösen gilt.

Das Interview besteht aus Auszügen aus Dr. Christoph Ahlers Buch. Noch viele weitere Gedanken lest ihr in „Himmel auf Erden & Hölle im Kopf, was Sexualität für uns bedeutet.“

Christoph Joseph Ahlers, Michael Lissek

Himmel auf Erden und Hölle im Kopf

Himmel auf Erden und Hölle im Kopf Blick ins Buch

Jetzt bestellen:

Buch
eBook

€ 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90 [CH]

oder hier kaufen:

€ 8,99 [D] | CHF 11,00 [CH]

oder hier kaufen:

Sex ist etwas Überwältigendes. Kein anderer Lebensbereich bietet eine vergleichbare Vielfalt an Erlebnis- und Erfahrungsmöglichkeiten. Aber was bedeutet Sexualität eigentlich wirklich für uns? Der Klinische Sexualpsychologe Christoph Joseph Ahlers betrachtet das Thema auf eine ungewohnte Art und Weise: Sex als intimste Form von Kommunikation, als intensive Möglichkeit, psychosoziale Grundbedürfnisse körperlich und seelisch zugleich zu erfüllen. Im Gespräch mit dem Journalisten Michael Lissek und der Lektorin Antje Korsmeier gibt Ahlers in diesem Buch einen Gesamtüberblick über das Phänomen der Sexualität – von schmerzlichen Abgründen über gewöhnliche Alltagsprobleme bis hin zu absoluten Glücksmomenten.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.