Warum lieben wir Liebesromane?

Warum wir Liebesromane lieben

Über Liebesromane gibt es viele Vorurteile: Liebesromane sind oberflächlich und schlecht geschrieben. Sie gaukeln uns übertriebene Gefühle vor, die es in der Realität nicht gibt. Und rosarote Traumwelten, die es ebenso wenig gibt. Und erschweren uns dadurch Beziehungen, weil wir mit überzogenen Erwartungen an sie herangehen.

Wir aber wissen natürlich, warum wir Liebesromane lieben: Weil sie uns daran erinnern, worum sich das Leben eigentlich dreht und was das einzige ist, das Menschen wirklich glücklich machen kann: Zwischenmenschliche Bindungen. Anderen Menschen Zuneigung und Liebe geben und sie auch zurückbekommen. Und weil sie glücklich machen. Weil sie die Verschnaufpause sind, die wir brauchen. Die Entspannung im stressigen Alltag, die unsere Seele streichelt, wenn das Leben mal wieder nervt. Und weil wir von ihnen lernen können, denn Romanfiguren können vieles besser als wir Menschen. Aber letztendlich steht hinter jeder Romanfigur doch ein Mensch.

Der Liebesroman als Symbol für Menschlichkeit

Tiefe, emotionale zwischenmenschliche Bindungen kommen in unserer Leistungsgesellschaft oft zu kurz. Es geht immer darum, „zur Wertschöpfungskette beizutragen“, produktiv zu sein, etwas zu „schaffen“. Das Berufsleben steht bei uns gesellschaftlich im Vordergrund und definiert, wer du bist. Das Beziehungs- und Familienleben wird oft zur Nebensache degradiert, es läuft so nebenbei, in der Freizeit. Nützliche Business-Kontakte und andere Zweckgemeinschaften werden höher gewertet als tiefe Freundschaften. Auch die Digitalisierung hat unserer Leben in den letzten zwei Jahrzehnten irgendwie kühler und menschenleerer gemacht, vieles geht heute ganz ohne Kontakt zu anderen Menschen. Das ist oftmals einfacher und schneller – aber was macht es mit uns?

Der Liebesroman setzt gegen all diese Entwicklungen ein Zeichen. Und dass so viele Menschen dieses Genre lieben und ein Buch nach dem anderen geradezu verschlingen, zeigt uns doch deutlich, wo die Defizite in unserer Gesellschaft zu suchen sind. Liebesromane widmen sich voll und ganz den menschlichen Gefühlen und Verbindungen. Meist ist es vollkommen egal, welchen Beruf die Protagonisten haben; wenn dieser eine Rolle spielt, so ist er meist austauschbar und nebensächlich. Die Charaktere eines Liebesromans müssen nicht zur Wertschöpfungskette beitragen, sie müssen zueinander finden. Sie können all ihre fiktive Energie auf das verwenden, was uns Menschen eigentlich am wichtigsten ist, wofür uns unser Leben aber oftmals gar nicht genug Zeit lässt: Glücklich miteinander zu werden.

Liebesromane als Balsam für die Seele

Viele Romane blenden Negatives aus: Alltagsstress, Krankheiten und all die anderen Sachen, die uns im echten Leben Angst machen und uns belasten. Und selbst wenn in einem Buch große Schwierigkeiten thematisiert werden, werden sie meist letztendlich positiv aufgelöst. Deshalb sind die Romane wie eine Pause, wie ein wohltuender Balsam für die Seele. Wann kann man sich schon einmal nur auf die Liebe konzentrieren, außer wenn man sich in eine Liebesgeschichte vertieft?

Die Voraussehbarkeit, die Klischees, der einfache Schreibstil, das ewige Happy End – all die angeblichen literarischen Minderwertigkeiten, die Liebesromanen immer wieder vorgeworfen werden, gerade sie sind es, die den Leser:innen so ein gutes Gefühl und die Möglichkeit geben, mal abzuschalten und die Geschichte zu genießen. Die Voraussehbarkeit tut gut, denn das Leben steckt voller Überraschungen und sie sind nicht immer angenehm. Der einfache Schreibstil ermöglicht ein flüssiges Lesen ohne sich anstrengen zu müssen. Anstrengung gibt’s sonst, soweit das Auge reicht: Im Beruf. In der Kindererziehung. In der echten Partnerschaft. Im Haushalt. In weltpolitischen oder gesellschaftlichen Belangen, für die wir uns einsetzen. Beim Lesen anderer Bücher – über Politik, Wissenschaft, die Gesellschaft, die man neben Liebesromanen vielleicht auch noch liest. Und so weiter.

Liebesromane als Inspiration für das echte Leben.

Natürlich sind die Inhalte von Liebesromanen nur die (Ideal-)Vorstellungen und die Wünsche des:der Autors:Autorin. Wahrscheinlich gibt es keine Menschen, die sich genauso benehmen würden wie eine Romanfigur. Denn eine Romanfigur ist frei von all den Herausforderungen und Schwierigkeiten des täglichen Lebens. Unsere Lebenserfahrungen, unsere Kindheit, unser Umfeld macht uns zu dem Menschen, der wir sind – und all das hat der:die Protagonist:in eines Liebesromans natürlich nicht, deshalb kann er:sie bessere bis hin zu perfekte Entscheidungen treffen.

Aber Romanfiguren sind menschengemacht. Woher haben die Autor:innen ihre Ideale, woher nehmen sie ihre Inspiration, wenn nicht zumindest teilweise auch aus ihren eigenen Begegnungen mit Menschen? Vielleicht haben Liebesromane wirklich das Potenzial, zu hohe Erwartungen zu wecken und der:die eine oder andere Leser:in muss aufpassen, dass sie echten Menschen nicht ihre Menschlichkeit mit all ihren natürlichen Unzulänglichkeiten zur Last legt. Vielleicht kann eine Figur aus einem Liebesroman aber auch eine Inspiration dazu sein, über sich hinaus zu wachsen, Gefühle zuzulassen. Und in einer wichtigen Situation die richtige Entscheidung zu treffen.

Und warum liebst du Liebesromane?

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